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Familienberatung in Bonn: Warum Kinder ihre Eltern verlassen

Familienberatung in Bonn : Warum Kinder ihre Eltern verlassen

Als Reaktion auf einen kürzlich erschienenen GA-Bericht schildern Kinder und Eltern, wie sie Konflikte in ihrer Familie erleben. Ein Experte empfiehlt, sich bei Problemen neutrale Unterstützung in Beratungsstellen zu holen.

Ein Vater, der sich von seiner Tochter im Stich gelassen fühlt – auf diesen vor Kurzem erschienenen GA-Bericht haben viele Leser mit Entsetzen, aber auch mit Verständnis für das Verhalten der Kinder reagiert.

Auf unserer Facebook-Seite meldeten sich junge Leute zu Wort, die selbst den Kontakt zu ihren Eltern beendet haben. „Wenn Eltern einem permanent ins Leben 'reinquatschen und alles besser wissen, alle Partnerinnen ablehnen, die man nach Hause bringt, müssen sie sich nicht wundern, dass man keine Kraft mehr hat und sein Leben nach den eigenen Regeln leben möchte“, schrieb ein Mann.

Sie habe mit ihrem Vater gebrochen, um ihre Kinder vor einem Mann zu schützen, der Schutzbefohlene ohne schlechtes Gewissen misshandle, berichtete eine Frau. Eine andere beklagte, wie „toxisch Eltern sein können“. Sie habe „den Ausstieg“ geschafft, bevor sie selbst Schaden genommen habe: „Familie bedeutet nicht zwangsläufig Blutsverwandtschaft.“

Eine ältere Frau wiederum schilderte in einem Leserbrief aus Muttersicht die Entscheidung des Sohns, die Eltern nach einem ihrer Ansicht nach harmonischen Weihnachtsfest „von heute auf morgen“ nicht mehr sehen zu wollen. Die Folge aus ihrer Warte: „eine Odyssee von Verleumdungen, Lügen, Diffamierungen und Angriffen, versuchten Geldbetrügereien und übler Nachrede, die sogar Freundschaften von uns Eltern und engste familiäre Bande zu Geschwistern zerstörten.“

Der Kontakt zwischen beiden Generationen laufe nur noch über Anwälte. In zwei Prozessen seien die Eltern von den Geldforderungen des Sohns befreit worden. Als sie bei ihm nach der Geburt eines Enkels ein Geschenk hätten vorbeibringen wollen, seien sie kommentarlos abgewiesen worden. Und ihr Mann sei später an Krebs gestorben, ohne dass eines der Kinder auf einen letzten Besuch gekommen sei, um den er so sehr gebeten habe, berichtet die Leserin mit Bitterkeit. „Manchmal kennen Kinder keine Grenzen in dem, was sie ihren Eltern antun.“

Die Medaille habe auch in Familienkonflikten immer zwei Seiten, meint Peter Conzen, Leiter der katholischen Beratungsstelle für Eltern, Jugendliche und Kinder für Bonn und den Rhein-Sieg-Kreis. In Familien könnten sich Probleme so enorm verhärten, dass es zu einer absoluten Trennung komme, unter der aber letztlich alle litten: die Eltern wie die Kinder. „Und meistens ist es nur eine Bagatelle, die das Fass zum Überlaufen bringt“, so Conzen.

In Familien würden oft „Schuld- und Verdienstkarten verteilt“: Wer habe was für andere geleistet, und welche Ansprüche ließen sich daraus ableiten? Andererseits sei es ein Grundbedürfnis, geliebt zu werden, dazuzugehören, aber auch eine gewisse Stellung in einer Gruppe zu erlangen. Und wenn dann über diesen Konfliktstoff nie in Ruhe gesprochen werde, könne sich eine Generation so verletzt fühlen, dass es zur Trennung komme. „Die Höchststrafe in der Familie ist dann den Enkeln vorbehalten.“

Diese Konflikte seien kein neues Phänomen, betont Conzen. Heute werde eine Trennung nur eher öffentlich gemacht als früher. Zumal, wie es eine GA-Leserin auf Facebook beschreibt, auch die in der Familie hinzukommenden Personen ihren Anteil am Konflikt haben können.

Das bestätigt eine Leserin bei Facebook: „Es gibt Fälle, in denen Kinder von ihren Lebenspartnern manipuliert und systematisch von Freunden und Familie getrennt werden.“ Es gebe Kinder, die in Gruppen einträten, „die sie so manipulieren, dass sie mit Leuten, die nicht ihrem verqueren Glaubenssystem folgen, nichts mehr zu tun haben wollen.“

Zerstrittene Familie sollten unbedingt Dritte hinzuziehen, um die Konfliktlösung anzugehen, empfiehlt der Caritas-Familienberater Peter Conzen. Doch diese Dritten dürften auf keinen Fall Verwandte oder Bekannte, sondern müssten neutrale und fachlich geschulte Personen sein. „Vielleicht sollte man in vielen Fällen aber auch einfach einen Schlussstrich unter die Probleme ziehen, bevor man die Anschuldigungen unendlich wiederholt“, so Conzen. Viel wichtiger sei, darüber zu beraten, unter welchen Bedingungen eine Annäherung möglich sein könnte. „Sonst bleiben alle die Verlierer.“