Überarbeitete Reich-Ranicki-Biografie Popstar der Kritik

Uwe Wittstock lernte Marcel Reich-Ranicki im Herbst 1979 kennen. Der Literaturchef der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (FAZ) hatte den 24-jährigen Studenten Wittstock zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen. Es ging um eine neu zu besetzende Stelle in der Literaturredaktion.

 Lebenslange Liebe: Teofila und Marcel Reich-Ranicki 1999 während der Eröffnung ihrer Ausstellung "Bilder und Erinnerungsstücke aus dem Warschauer Ghetto" im Museum Judengasse in Frankfurt am Main.

Lebenslange Liebe: Teofila und Marcel Reich-Ranicki 1999 während der Eröffnung ihrer Ausstellung "Bilder und Erinnerungsstücke aus dem Warschauer Ghetto" im Museum Judengasse in Frankfurt am Main.

Foto: dpa

Wittstock, der bereits einige Rezensionen in der FAZ veröffentlicht hatte, wurde vom Literaturpapst examiniert und verstieg sich - ein bisschen nervös, ein bisschen unsicher - zu der gewagten Behauptung, er habe alles von Kleist gelesen. "Dann erzählen Sie mal etwas über das Käthchen von Heilbronn", ermunterte ihn Reich-Ranicki.

Touché. Wittstock versuchte sich herauszureden: vorübergehende Gedächtnislücke, Blackout. "Mein Lieber", sagte der FAZ-Redakteur, "Sie haben das Käthchen nie gelesen. Als junger Mann wie Sie vergisst man dieses Stück nicht, man vergisst nicht, was Kätchen für den Mann tut, den sie liebt. Besser, Sie bleiben bei der Wahrheit."

Die Anekdote, die Wittstock zu Beginn seiner 2005 erstmals erschienenen, jetzt gründlich überarbeiteten, vervollständigten und aktualisierten Biografie Marcel Reich-Ranickis ausbreitet, sagt viel über den Kritiker aus. Sie beweist, dass man ihm nichts vormachen konnte, dass er die Qualität von Mitarbeitern und Kollegen erkannte und kleine menschliche Schwächen gern verzieh. Er holte Wittstock in die Literaturredaktion der FAZ, dort diente er zwischen 1980 und 1989.

Wittstocks souverän komponierte, anschaulich und spannend erzählte Biografie kann man als Ergänzung zu Reich-Ranickis "Mein Leben" (1999) lesen. Sie erweitert die persönliche Lebensbeschreibung des Kritikers (1920-2013) um eine distanzierte Perspektive. Es ist die Perspektive eines Wegbegleiters, der Reich-Ranicki näher kam als die meisten Menschen.

Wittstock schildert die wichtigsten Stationen im Leben seiner Hauptfigur. Der Jude Reich-Ranicki ging in Berlin zur Schule. 1938 wurde er verhaftet und nach Warschau deportiert. Mit seiner späteren Frau Teofila, genannt Tosia, gelang ihm 1943 die Flucht aus dem Ghetto. In Warschau erlebte er zuvor mit, wie seine Eltern in einen Eisenbahnwaggon steigen mussten, der sie nach Treblinka brachte. "Ich wusste, dass ich sie zum letzten Mal sah", schrieb er in "Mein Leben".

In der Bundesrepublik beeinflusste er als Kritiker maßgeblich das literarische Leben: zunächst bei der "Zeit", später bei der "FAZ" und, natürlich, als Chef des "Literarischen Quartetts" im ZDF. Davon zeugt in Wittstocks Buch das Kapitel "Popstar der Kritik". Freundschaften und Feindschaften prägten die Existenz Reich-Ranickis: mit Günter Grass und Martin Walser, Walter Jens und Joachim Fest, Siegfried Lenz und Peter Handke. Einigen Affären zum Trotz hielt die lebenslange Liebe zu seiner Frau Tosia. Ihren Tod 2011 erlebte er als existenzielle Katastrophe. Uwe Wittstock beschreibt die letzten Jahre einfühlsam, aber nie sentimental und larmoyant. Reich-Ranicki hätte sich das so gewünscht.

Sein großer Auftritt zum Holocaust-Gedenktag im Bundestag am 27. Januar 2012 erhält gebührenden Raum. Ebenso der Prozess des allmählichen körperlichen Verfalls. "Seine Hingabe an die Bücher war fast vollständig versiegt", beobachtete Wittstock 2012. Für das Nachrichtenmagazin "Focus" führte er ein im September 2012 veröffentlichtes, langes Interview mit Reich-Ranicki. Wie der amerikanische Autor Philip Roth ("ein Massaker") konnte er dem Alter nichts abgewinnen. Den Tod fürchte er nicht, erklärte der 92-Jährige: "Ich habe Angst vor dem Nicht-mehr-Existieren."

Eine Perspektive jenseits des irdischen Daseins existiere für ihn nicht: "Es gibt kein Jenseits. Es gibt kein Leben nach dem Tod. Also hat es auch keinen Sinn, sich das Jenseits auszumalen. Der Tod ist der Schlusspunkt."

Uwe Wittstock: Marcel Reich-Ranicki. Die Biografie. Blessing, 432 S., zahlreiche Abbildungen, 19,99 Euro.

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