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Tänzer und Choreograf: Tero Saarinen gastierte mit seiner Truppe in der Bonner Oper

Tänzer und Choreograf : Tero Saarinen gastierte mit seiner Truppe in der Bonner Oper

Hoch aus dem Norden kommt Tero Saarinen, der mit seiner Truppe die Tanzreihe in der Bonner Oper fortsetzte. Doch wer sich die Aufführung des finnischen Tänzers und Choreografen nordisch kühl ausgemalt hatte, musste umdenken.

Strawinskys Ballettklassiker "Petruschka" und "Le Sacre du Printemps" lassen auch Saarinen nicht kalt. Auf das Wesentliche hat er "Petruschka" reduziert, so dass es nichts gibt, was von der dramatischen Entwicklung im Eifersuchtsdrama dreier Jahrmarktsfiguren ablenken könnte.

Petruschka will die hübsche Tänzerin, die will aber nur den Mohr. Der ist zwar ein Schurke, aber groß und stark und schön angezogen - der kleine Clown (Carl Knif) hat keine Chance. Was anfangs noch als behäbige Commedia dell'Arte daherkommt, steigert sich mehr und mehr in einen Kampf bis aufs Blut. Witzige und groteske Elemente wie das Stummfilm-Gebaren und die Staccato-Gesten aufgezogener Puppen machen einer erotisch aufgeladenen Atmosphäre Platz, in der Mohr (Henrikki Heikkilä) und Ballerina (Sini Länsivuori) die Finger nicht voneinander lassen können.

Vergeblich versucht Petruschka, dem Balzen Einhalt zu gebieten, wird immer wieder zurückgestoßen und tanzt sich in einem verzweifelten Wirbel von fuchtelnden Armen und Beinen zu Tode. Die Choreografie streckt sich mit Mühe über die 32 Minuten, wird aber immer wieder von der Live-Musik gerettet: Das fabelhafte Akkordeon-Duo James Crabb und Geir Draugsvoll, im schwarzen Frack und Schlapphut auf der Bühne, bringt mit seinem originellen Strawinsky unerhörte Klangeffekte und immer neue Spannung ins Geschehen.

Die hält sich bei der Deutschland-Premiere von "Gaspard", einer Interpretation von Maurice Ravels höllisch virtuoser Klaviersuite "Gaspard de la nuit", auf einem konstant hohen Niveau. Im Nebel beginnen drei Frauen und zwei Männer mit erst sparsamen, dann ausladenderen Wellenbewegungen zu tanzen.

In wechselnden Konstellationen spüren sie menschlichen Situationen nach, ohne durch allzu narrative Elemente das Zwielicht des Undeutlichen, Uneindeutigen aufzuhellen. Gefangenschaft, Warten, sinnliche Anziehung und Abstoßung, alles wird mit kraftvollen Linien angedeutet und wieder verwischt. Eingehüllt in den faszinierenden Schleier des Traum- und Albtraumhaften, ist "Gaspard" ein eindrucksvolles Stil-Manifest des Choreografen.

Zum Schluss tanzt Tero Saarinen selbst das Solo, das ihn in die erste Liga der internationalen Tanzszene katapultiert hat: "Hunt" ist seine persönliche, sehr eigene Auseinandersetzung mit "Le Sacre du Printemps", die allerdings ohne die Multimedia-Effekte von Marita Liulia und das Lichtdesign von Mikki Kunttu nicht möglich wäre. Saarinens bloßer Oberkörper und der bauschige weiße Rock geben dem Frühlingsopfer nicht nur einen androgynen Anstrich, sie werden auch zur Projektionsfläche für das Animalische: Licht und Schatten zerlegen den Körper in viele Einzelteile; dann erscheint ein heller Lichtpunkt, malt Federn, Schlangenhaut und lauernde Augen auf Haut und Stoff. Im Finale erzeugen stroboskopische Lichtblitze eine Abfolge stehender Bilder: Saarinen mal hier, mal dort, im Sprung oder in der Drehung.

Tänzerisch ist "Hunt" weniger spektakulär. Hier nimmt sich der Finne sehr zurück, ignoriert Strawinskys rhythmische Eskapaden mit größtenteils ruhigen, ritualhaften Bewegungen. Wer will, erkennt in der Opfergestalt ein wenig Christus und ein wenig sterbenden Schwan - das wäre zu wenig. Erst das Gesamtpaket von Tanz, Licht und Videotechnik macht "Hunt" zum Ereignis.