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Nachfolger von Mariss Jansons: Sir Simon Rattle wird Chef in München

Nachfolger von Mariss Jansons : Sir Simon Rattle wird Chef in München

Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks verpflichtet den früheren Chef der Berliner Philharmoniker. Bis 2022 leitet Sir Simon Rattle noch das London Symphony Orchestra

Es ist ein echter Paukenschlag: Der britische Dirigent Sir Simon Rattle kehrt London den Rücken und kommt zurück nach Deutschland. Er wird als Nachfolger des 2019 verstorbenen Mariss Jansons Chef des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks (BR) in München. Wie der BR am Montag mitteilte, unterzeichnete Rattle einen Fünfjahresvertrag und wird die beiden Ensembles ab der Saison 2023/2024 leiten. Rattle war 2017 Chef des London Symphony Orchestra (LSO) geworden. Seinen Fünfjahresvertrag werde er dort über 2022 hinaus nicht verlängern, wie es hieß. Die britische Musikwelt trifft die Nachricht, die sie mitten in der Corona-Krise ereilte,  wie ein Schock.

Zuvor leitete Rattle 16 Jahre lang bis 2018 die Berliner Philharmoniker. Das BR Symphonieorchester, das unter anderem von bedeutenden Chefdirigenten wie Lorin Maazel, Colin Davis und Rafael Kubelik geprägt wurde, gilt vielen Experten zufolge nach den Berlinern als die Nr. 2 der großen deutschen Orchester. Für die Musiker war Rattle schon lange der Wunschkandidat.

Noch immer in Berlin

Rattle, der in der kommenden Woche 66 Jahre alt wird, lebt mit seiner dritten Ehefrau, der Sängerin Magdalena Kožená, und den drei gemeinsamen Kindern nach wie vor in Berlin. Dass er auch beruflich wieder nach Deutschland zurückkehrt, hat britischen Beobachtern zufolge mit seiner kritischen Haltung zum Brexit und mit seiner Enttäuschung über die Verzögerung beim Bau des geplanten neuen „London Centre for Music“ zu tun, das irgendwann einmal die Heimspielstätte des LSO werden soll. Derzeit spielt das Orchester in der Barbican Hall, die Rattle als wenig geeignet für ein Weltklasseorchester hält.

Die Vision des Neubaus war nach seiner Ankündigung, die Berliner Philharmoniker zu verlassen, ein entscheidender Grund für Rattle, nach London zu gehen. Geplant ist eine moderne Konzerthalle, die in Konkurrenz zu den besten Hallen weltweit bestehen soll. Die Kosten des Neubaus liegen geschätzt bei umgerechnet rund 300 Millionen Euro und müssen größtenteils privat aufgebracht werden. Doch nicht nur die Finanzierung ist ein Problem, bislang ist laut „Times“ noch nicht einmal der Standort des Konzerthauses sicher. Das Projekt bleibt also wohl noch eine ganze Weile Zukunftsmusik. Eine der wenigen Musikrichtungen, die Rattle überhaupt nicht schätzt.    

Hoffen auf den neuen Konzertsaal

Freilich sieht die Situation in München derzeit auch noch nicht ideal aus. Dort fehlt bislang ebenfalls ein adäquater Konzertsaal für das BR Symphonieorchester. Das Weltklasse-Ensemble hat nicht einmal eine eigene Spielstätte und bietet Konzertreihen sowohl Herkulessaal der Münchner Residenz, der mit 1270 Sitzplätzen eher klein ausfällt, als auch der  deutlich größeren Philharmonie am Gasteig an, wo allerdings die Münchner Philharmoniker Hausrecht haben.

Wegen dieser unbefriedigenden Situation hatte der Ende November 2019 verstorbene Mariss Jansons die Pläne für den Bau eines neuen Konzerthauses vorangetrieben. Von Rattle erhofft sich das Orchester nun auch, dass der Druck auf die Verantwortlichen in Stadt und Freistaat erhöht wird, das bereits in Gang gesetzte Konzertsaal-Projekt im Münchner Werkviertel weiterzuführen. Dem Bayerischen Rundfunk zufolge sagte Rattle dazu: „Es wird dem Symphonieorchester des BR das Arbeitsumfeld bieten, das es verdient, und für viele andere Musikerinnen und Musiker aus München, Bayern und darüber hinaus eine ‚Heimat‘ sein. In der Zwischenzeit werden wir die Vermittlungsarbeit des Orchesters weiter ausbauen, sowohl im Werksviertel Mitte, wo der Saal entstehen wird, als auch in vielen anderen Gemeinden in ganz Bayern.“

Wunschkandidat der Musiker

Doch auch musikalisch hatte viel für Rattle gesprochen. Dass er der Wunschkandidat der Musiker sei, hatten schon im Sommer die Spatzen von den Dächern gepfiffen. Bei der wiederholten Zusammenarbeit verstanden sich Dirigent und Orchester bestens. Mag sein, dass Rattle die Arbeit mit den Münchnern sogar als entspannter empfand als mit den Berlinern, die, wie er selbst eingestand, es ihm nicht immer leicht gemacht haben. In München lieben ihn die Musiker, und mit Jansons war er sogar befreundet. Der lettische Dirigent soll vor seinem Tod sogar selbst Rattles Namen für die eigene Nachfolge ins Spiel gebracht haben.

Als zweiter Favorit galt der Kanadier Yannick Nézet-Séguin. Doch der hat bereits mehrere Chefposten, darunter an der New Yorker Metropolitan Opera und beim Philadelphia Orchestra.

Auf die neue Aufgabe freut Rattle sich. „Es ist eine Ehre, die Nachfolge von Mariss Jansons anzutreten, und ich freue mich darauf, diese wunderbaren Musikerinnen und Musiker für viele Jahre zu leiten“, erklärte Rattle am Montag.