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Glockenläuten: Kirchen reagieren mit Zeichen der Verbundenheit auf die Corona-Krise

Glockenläuten : Kirchen reagieren mit Zeichen der Verbundenheit auf die Corona-Krise

Mit Phantasie und Einfühlungsvermögen sind Pfarrerinnen und Pfarrer im Siebengebirge weiter für die Gläubigen da.

In Notzeiten suchten die Menschen immer wieder Zuflucht bei der Kirche. Das hat sich bis heute nicht geändert, wie sich in der Corona-Krise zeigt. Und die Pfarrerinnen und Pfarrer im Siebengebirge nehmen ihre Aufgabe ernst, sind für die Menschen da, hören zu, machen Mut und helfen auch ganz konkret. Dabei müssen sie kreativ sein, denn Gottesdienste in den Kirchen gibt es derzeit nicht, um die weitere Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen.

Die Glocken aller evangelischen Kirchen läuten mittags um 12 Uhr, die Glocken der katholischen Gotteshäuser sind im ganzen Erzbistum täglich um 19.30 Uhr zu hören. Superintendentin Almut van Niekerk: „Wir läuten zum Gebet, sind zeitgleich verbunden. So spüren wir Gemeinschaft in dieser wirklich nicht einfachen Zeit.“

Zeichen der Verbundenheit

Ein Zeichen der Verbundenheit setzt auch die evangelische Trinitatis-Kirchengemeinde Linz/Bad Hönningen und Unkel/Rheinbreitbach. Täglich wird in einer der Gemeindekirchen zum 18-Uhr-Geläut die Osterkerze entzündet. Sie soll ein Licht der Hoffnung sein und wird verbunden mit einer Fürbitte für alle Menschen. Die Gemeinde lädt dazu ein, zuhause ebenfalls eine Kerze zu entzünden und das Vaterunser mitzubeten.

Wie die anderen Kirchengemeinden bietet auch die  Trinitatis-Kirchengemeinde ganz konkrete Hilfen an. Die Gemeindeverwaltung vermittelt jemanden, der für ein Gespräch zur Verfügung steht oder den Einkauf erledigt.

Zeichen der Verbundenheit auch ohne das direkte, physische Miteinander in einem Raum wollen auch die katholischen Kirchen setzen. Diakon Udo Casel von der Kirche am Oelberg sagt etwa: „Zu dieser Zeit wird besonders eingeladen, sich im Gebet zu vereinen. Entsprechende Impulse dazu geben wir auf der Internetseite www. kirche-am-oelberg.de.“

Auch Pfarrer Michael Ottersbach, leitender Pfarrer im Sendungsbereich Bad Honnef/Unkel – von Honnef bis Erpel –, sagt: „Während der Zeit, in der keine öffentlichen Gottesdienste gefeiert werden können, laden wir zum Gebet ein. Gemeinsam, wenn auch räumlich getrennt, beten wir das ,Vater unser‘ und ,Unter deinen Schutz und Schirm‘. Wir beten für die Kranken und alle, die in diesen Tagen in ihren Berufen besonders gefordert sind, wir beten für alle, die Sorgen haben und alle, die anderen unkompliziert helfen.“

Messfeier per Video

Auf Casels Homepage werden Vorschläge zur Teilnahme an Gottesdiensten über die Medien gemacht. Und dort erfahren die Gläubigen auch, in welcher der eigenen Kirchen im Bergbereich von Königswinter künftig an den Samstagabenden eine Messfeier aufgezeichnet und ab Sonntag per Video über die Internetseiten zur Verfügung gestellt wird.

An diesem Samstag etwa zelebrieren Pfarrer Markus Hoitz und seine Kollegen in der Stieldorfer Pfarrkirche eine Messe. Diakon Casel nimmt sie auf, und am Sonntag ist sie für alle zu sehen. „Wir halten natürlich den gebotenen Abstand.“ Während der Aufnahme ist die jeweilige Kirche geschlossen, ansonsten sind die katholischen Kirchen überall im Siebengebirge geöffnet. Gläubige können sich zum persönlichen Gebet dort einfinden oder eine Kerze aufstellen.

Und auch in den katholischen Kirchen von Bad Honnef bis Erpel werden Priester Messen ohne die Anwesenheit von Gläubigen feiern. Ottersbach: „Ich versichere, dass wir dabei auch in Ihren Anliegen beten und lade ein, persönliche Gebetsanliegen direkt an einen Seelsorger oder ins Pastoralbüro zu geben per E-Mail an gebet@katholisch-am-siebengebirge.de.“

In den evangelischen Kirchen dagegen sind die Türen zu. Pfarrer Uwe Löttgen-Tangermann aus Bad Honnef: „Die Landeskirche hat das so angeordnet.“ Er stellte sich jetzt vor das Portal – um ein Video aufzuzeichnen, das am Freitag auf der Internetseite des evangelischen Kirchenkreises zu sehen war. Auch in der evangelischen Kirche halten die Geistlichen auf vielen verschiedenen Wegen Kontakt mit den Menschen ihrer Gemeinden. Dazu gehört, Andachten im Internet zu veröffentlichen.

Pfarrerinnen stehen für Gespräche bereit

Die evangelische Gemeinde Dollendorf/Oberkassel lädt durch Glockenläuten ein zum Gebet: jeden Mittag um 12 Uhr und jeden Abend um 18 Uhr. Dafür gibt es Anregungen auf www.kirche-ok.de. Und auch dort stehen die Pfarrerinnen für Gespräche bereit.

„Meine Kollegen telefonieren fast den ganzen Tag“, berichtet Almut van Niekerk, die Superintendentin des Kirchenkreises an Sieg und Rhein. Die Menschen, deren Lebensrhythmus sich schlagartig verändert hat, teilen ihre Sorgen mit – dabei spielt Angst vor Ansteckung gar nicht die Hauptrolle. „Unsere Pfarrer drehen Mutmach-Videos mit kurzen Segmenten von zwei bis vier Minuten, sie sind da sehr kreativ“, fügt sie hinzu. Van Niekerk erinnert auch an die Radio- und Fernsehgottesdienste an den Sonntagen, die abwechselnd von katholischen und evangelischen Seelsorgern gehalten werden.

„Die gottesdienstlichen Angebote sind da, nur anders.“ Und auch die Menschen, die ohne PC oder Tablet sind, sollen sich nicht alleingelassen fühlen. „Viele Gemeinden verfassen für diese Menschen schöne Briefe, um ihnen ein Lebenszeichen ins Haus zu senden.“

Michael Ottersbach ist ebenfalls dankbar für alle diejenigen, die jetzt bereit zur Nachbarschaftshilfe sind. Mit seinem evangelischen Kollegen Löttgen-Tangermann hat er einen ökumenischen Einkaufsdienst verabredet. In der katholischen Talgemeinde Königswinter bestehen ebenfalls seelsorgerische und Hilfsangebote. Das gilt genauso für die evangelische Gemeinde. Pfarrerin Anne-Kathrin Quaas steht zusätzlich für die Gemeinde in der Altstadt zur Verfügung, die derzeit keinen eigenen Pfarrer hat.

Die Gemeindesekretärin Kerstin Stoops sagt jedoch: „Es ist äußerst ruhig. Auch der Einkaufsservice für ältere wurde noch nicht in Anspruch genommen.“ Bei Udo Casel ist mehr Betrieb. „Ich hatte schon mehrere Gespräche, da ging es auch um finanzielle Hilfen, die wir durch die Caritas leisten werden.“ Uwe Löttgen-Tangermann berichtet: „Im Moment wird das Telefon bei mir noch nicht genutzt. Die Isolation kommt ja erst, dann bricht der Lagerkoller aus.“

Bastelanleitungen auf der Homepage

Superintendentin Niekerk weiß: „Der innerfamiliäre Druck ist riesig, dabei geht es nicht nur um Betreuung. Die Familien hocken aufeinander. Das führt zu Stress, auch zwischen Eltern und Kindern.“ So unterbreitet das Kindertagesstättenreferat des evangelischen Kirchenkreises den Eltern auf der Homepage Vorschläge, was sie mit den Kindern machen können. „Das geht hin bis zu Bastelanleitungen und wird immer aktualisiert.“

Van Niekerk vergleicht Corona mit der Flüchtlingskrise 2015: „Wir haben wie damals gute Strukturen – die Gemeinde- und Jugendarbeit, die Diakonie.“ Die Nachbarschaftshilfe habe bereits eingesetzt. Pfarrer sind nun Gesprächspartner – aber weil auch sie die Regeln zu achten haben, nicht mehr im persönlichen Kontakt, sondern am anderen Ende der Leitung, wenn sie telefonisch um Rat gefragt werden.

Die Superintendentin: „Menschen, die im Krankenhaus Angehörige haben, sie nicht besuchen können, wenden sich an die Pfarrer.  Besuche dienen der Vergewisserung, wie es dem nahestehenden Patienten geht. Und jetzt bricht zusätzlich auch die Ablenkung weg, die sonst der normale Alltag ausmacht.“ Dramatisch werde es, wenn ein Trauerfall eintritt. So habe in Neunkirchen-Seelscheid laut Verfügung eine Urnenbestattung bis Ende Juni aufgeschoben werden müssen. „Das ist für die Angehörigen sehr schwer, die Bestattung gehört zur Trauerbewältigung.“

Udo Casel sagt für die Katholiken: „Beerdigungen finden zurzeit nur auf dem Friedhof statt.“ „Mit maximal zehn Personen, direkt am Grab“, ergänzt Löttgen-Tangermann. :Dennoch geben die Pfarrer den Menschen Halt. Kirchen in Zeiten von Corona – alle rücken zusammen, auch wenn sie Abstand halten müssen.

„Wunderbare Initiative“

Kreisdechant Hans-Josef Lahr, Leiter des Kreisdekanats Rhein-Sieg, sieht die Situation als Herausforderung: „Unser Glaube lebt von der Gemeinschaft, von der Nähe. Menschen, die tief im Glauben sind, berichten mir, welch schmerzlichen Einschnitt es bedeutet, keine Messen besuchen zu können. Ich sehe täglich viele, die allein zum Beten in die Kirche gehen.“ Das gemeinsame Glockengeläut hält er für eine wunderbare Initiative. „Menschen werden im Gebet verbunden.“ Das sei besonders wichtig für Einsame, Kranke und Verängstigte.

In der kommenden Woche will er einen Aufruf starten, ihm Gebetsanliegen mitzuteilen. Lahr betont weiter: „Ich habe meinen Blick darauf, dass Menschen in Kontakt bleiben.“ Die Phantasie der Pfarrer, die Messen halten und ins Internet stellen, berühre ihn positiv, ebenso aber auch die älteren Gläubigen, die über Domradio die Beiträge verfolgen. „Wir müssen schauen, dass wir als Christen unsere Botschaft nicht aus den Augen verlieren, dass wir in dieser Zeit nicht auf uns schauen, sondern auch den anderen schützen.“

Kommunion verschoben

Die Firmvorbereitung wird in diesem Jahr erst nach den Sommerferien starten. Auch Pfarrer Michael Ottersbach betont: „Sobald absehbar ist, wann die Feiern sein können, werden wir die Familien informieren. Für die Firmungsvorbereitung sind derzeit alle Treffen ausgesetzt.“

Eine Prognose für Ostern wagt Superintendentin Almut van Niekerk nicht. „Es wäre schön, wenn Ostern auch real in unseren Kirchen wieder etwas geht, wenn wir uns auch einmal wieder räumlich miteinander im Namen Gottes versammeln können.“

Die Konfirmation in Bad Honnef ist auf den Herbst verschoben. Und Udo Casel von der Pfarreiengemeinschaft Königswinter Am Oelberg sagt: „Die Feier der gemeinsamen Erstkommunion am Weißen Sonntag oder am Sonntag danach wird es in diesem Jahr so nicht geben. Die Eltern sind gebeten, in der Zeit danach selbst eine der bestehenden Sonntagsmessen zu wählen, in der die entsprechenden Kinder dann ihr ganz persönliches Fest feiern können.