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Tiefstes Loch von Sankt Augustin: Wasser aus 645 Metern Tiefe könnte für Geothermie genutzt werden

Tiefstes Loch von Sankt Augustin : Wasser aus 645 Metern Tiefe könnte für Geothermie genutzt werden

Auf der Suche nach dem mit Abstand tiefsten Loch von Sankt Augustin wird man weder im städtischen Haushalt noch in der "Missionarsgrube" oder in den tiefen Schlaglöchern der Flugplatzzufahrt fündig.

Es ist in Niederpleis, 40 Jahre alt, ganze 645 Meter tief und Quellort einer "Natrium-Hydrogencarbonat-Chlorid-Therme", die der Stadt sogar den Anspruch auf den Namen "Bad Sankt Augustin" beschert hat. Doch das "Bad" im Namen gibt es bekanntlich ebenso wenig wie eine genutzte Heil- oder Thermalquelle.

Bereits 1969 hatten der Gemeindedirektor Ulrich Syttkus und der Beigeordnete Dr. Walter Quasten mit Professor Karl Fricke vom Geologischen Landesamt in Krefeld Gespräche zum geothermischen Potenzial geführt. Es folgten geologische und geophysikalische Messungen, Diskussionen mit der Politik und schließlich eine Bohrung nahe Gut Friedrichstein, die im Herbst 1973 abgeschlossen wurde: Tief unter Kies, Sand, Schluff, Ton und Braunkohle fand man in Grauwacke und Grauwackensandstein die "Pleistalstörung" und dort das 21,7 Grad warme Thermalwasser. Eben jener Störung sei die Bohrung in Niederpleis geschuldet gewesen, erklärt Architekt Heinrich Geerling, der sich seit vielen Jahren mit dem geothermischen Potenzial der Region befasst.

Der Vulkanismus hatte Bruchkanten und Störungszonen in den Untergrund gebracht. Eine der wichtigsten Störungszonen verläuft vom Ölberg durch das Pleistal zum Michaelsberg in Siegburg, eine ältere Störungszone dort im Untergrund, wo heute das Siegtal ist. "Hier in Niederpleis gibt es eine Überlagerung der Störungen. Also ging man davon aus, dass hier die Störung und damit die Klüftigkeit des Gesteins für die Wasserzirkulation am größten ist", erklärt Heinrich Geerling.

Und das warme Wasser fand man tatsächlich: Der Hauptpumpversuch im Mai und Juni 1973 brachte eine Dauerleistung von rund 8500 Litern Thermalwasser pro Stunde. Aber auch ohne Pumpe drückt das Wasser aus dem Erdreich gen Oberfläche, mit gemächlichen 1100 Litern pro Stunde. "Früher stand hier oft noch eine Pfütze auf der Weide", zeigt Heinrich Geerling auf das 40 Zentimeter dicke Rohr und das mit einem Deckel verschraubte Endstück der Bohrung, das nun aus einer Kuhweide ragt.

Auch wenn die Bohrung damals Hunderttausende Euro kostete, professionell genutzt wurde das Thermalwasser aus verschiedenen Gründen, wie etwa wegen der vergleichsweise geringen Schüttrate, nie, sagt Heinrich Geerling: "Man geht davon aus, dass in den Jahrtausenden die Klüfte im Gestein zugesandet oder zugeleimt sind. Man müsste nun also etwas tiefer gehen oder auch vorübergehend mit Druck arbeiten, mit sogenanntem Fracking, um zu schauen, ob man die Klüfte wieder in den früheren Zustand zurückbringen und mehr Wasser an die Bohrung heranführen kann."

Fracking habe aber als Oberbegriff durch die Petrochemie einen sehr negativen Ruf erhalten. Denn während die nächste benachbarte Geothermiebohrung in Köln die Claudiustherme versorgt, ist das bisherige Potenzial der Niederpleiser Quelle noch überschaubar: Vor etwa zehn Jahren versuchte man, eine Zucht kälteempfindlicher Fische mit warmem Wasser zu versorgen.

Doch für den kurzen Kleinversuch mit Kanistern enthielt das Wasser zu viel Rost aus der Verrohrung. "Wir haben vor etwa 15 Jahren einen Antrag bei der Energieagentur für eine Pilotanlage gestellt, um hier ein Gebäude durch Geothermie beheizen zu können. Es war überschlagen worden, dass bei der Schüttrate und den 21 Grad ein Niedrigenergiehaus von 400 bis 1000 Quadratmetern Fläche beheizt werden könnte. Ich halte das hier an der Stelle für den nahe liegenden Weg."

So ließe sich etwa das Gut Friedrichstein beheizen, wenn das Wasser durch eine Nahwärmeleitung zu einer dort installierten Wärmepumpe und anschließend in die Sieg oder die Kanalisation geführt würde, schlägt Geerling vor: "Es wäre auch eine Möglichkeit, diese 600 Meter tiefe Bohrung im Rhein-Sieg-Kreis zu nutzen, die Erfahrungen damit zu publizieren und die Geothermie bekannter zu machen. Die größten Investitionen für die Bohrung sind ja bereits in den 1970er Jahren geleistet worden."