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Porträtserie: Fotograf Florian Jaenicke tritt in Rheinbach virtuell auf

Porträtserie : Fotograf Florian Jaenicke tritt in Rheinbach virtuell auf

Der Fotograf Florian Jaenicke ist zu Gast in Rheinbach. Seine Lesung findet wegen des Coronavirus virtuell statt. Mit dem GA sprach er über seine Porträtserie mit seinem Sohn.

Fotograf Florian Jaenicke hatte schon viele Prominente vor der Linse. Die Bayern-Stars Philippe Coutinho und Joshua Kimmich, die Politiker Sigmar Gabriel und Andrea Nahles oder Musikgrößen wie Ron Wood von den Rolling Stones. Wohl keinen Menschen hat der Münchner so oft vor der Kamera gehabt wie seinen 15 Jahre alten Sohn Friedrich, der mit schweren Hirnschäden geboren wurde. Am Freitag, 20. März, ist Jaenicke „Zu Gast auf dem Sofa“ in Rheinbach – aus Angst vor der Ausbreitung des Coronavirus ist die Lesung im Hochschule-Campus zuschauerlos, aber im Internet zu sehen. Mit dem 50-Jährigen sprach Mario Quadt.

Landauf, landab sind Veranstaltungen abgesagt, um die Ausbreitung des Coronavirus zu bremsen. Reisen Sie derzeit mit einem unguten Gefühl durchs Land?

Jaenicke: Wenn ich unterwegs bin, mache ich mir Sorgen um meine Familie und versuche penibel die Hygieneregeln einzuhalten. Mein Buch erzählt von einer ganz ähnlichen Situation: eine völlig unerwartete Überforderung, der man sich zu stellen hat und mit der man wohl oder übel umgehen muss. Genau wie jetzt mit Corona. Insofern erzählt das Buch viel mehr als nur ein ein Bericht über behinderte Kinder.

Werdende Eltern antworten auf die Frage nach dem bevorzugten Geschlecht ihres ungeborenen Kindes gerne: „Geschlecht ist egal, Hauptsache gesund.“ Was geht in Ihnen vor, wenn Sie so etwas hören?

Jaenicke: Da gab es in der Tat mal eine Situation. Als wir schon wussten, dass unser Neugeborenes schwer krank ist, trafen wir im Krankenhaus eine andere Mutter mit ihrem Neugeborenen. Sie sagte genau das, was Sie gesagt haben: „Na ja, ist ja egal: Hauptsache gesund.“ Meine Frau und ich bekamen sofort einen Kloß im Hals. Wir haben dieses Gespräch nicht vertieft. Gesundheit ist ein dehnbarer Begriff. Da taucht man sehr schnell in philosophische Gefilde ab, wenn man da eine Haltung entwickelt.

Wie gestaltet sich der Alltag mit einem mehrfach behinderten Kind?

Jaenicke: Der Regelfall, der leider auch immer viele Ausnahmen beinhaltet, sieht so aus, dass wir um 5.30 Uhr aufstehen, Brotzeit fertig machen, die Friedrich mit in die Schule nimmt und seine Sachen packen. Dann wecken wir Friedrich, waschen ihn, ziehen ihn an und er bekommt sein Frühstück. Nachdem wir ihn gefüttert haben, ziehen wir ihn an, setzen ihn in den Rollstuhl und um 7.15 Uhr kommt der Fahrdienst, und er fährt in die Schule. Zurück kommt er gegen 16.30 Uhr. Dann spielen wir mit ihm, reden mit ihm, dehnen und turnen mit ihm, gehen auf ihn ein und hören Musik mit ihm zusammen. Wenn am Abend die Abendbrotzeit vorüber ist, geht danach das Prozedere des Morgens rückwärts. Das ist sehr aufwendig. Er ist hilflos, und man muss alles für ihn machen.

Es gibt Bilder da schaut Ihr Sohn selbstsicher in die Kamera. Spüren Sie seine Sicherheit oder haben Sie im richtigen Moment den Auslöser gedrückt?

Jaenicke: Ich glaube, dass er viel selbstsicherer ist als Sie und ich. Er und alle Kinder, die ähnliche Konditionen haben, leben total im Moment. Sie leben im Hier und Jetzt. Sie strahlen eine gewisse Selbstsicherheit aus. Das habe ich nicht nur als Vater, sondern auch als Fotograf gesehen und es war mit einer der Gründe, warum ich das in Fotos festhalten wollte. So wird das manifester und sichtbarer.

Ist Friedrich nicht ein dankbares Objekt vor der Kamera, da ihm Befangenheit fremd sein dürfte?

Jaenicke: Das ist schwierig zu sagen. Es ist eine ganz andere Art der Porträtarbeit. Ich kann mit ihm ja nicht reden. Wenn da ein Robert Lewandowski vor mir steht, dem sage ich: Stell dich bitte mal dorthin. Der hat dann womöglich keine Zeit oder keine Lust, aber mit dem kann ich kommunizieren. Dann macht er es oder er macht es eben nicht. Ein Mensch wie Friedrich kann das nicht. Da muss ich ganz anders arbeiten. Ich habe Unmengen an Fotos von ihm. Im Buch sehen sie ein Destillat aus Tausenden von Fotos.

Reagiert Friedrich, wenn Sie ihm Fotos von ihm zeigen?

Jaenicke: Nein, das kann er nicht, weil sein Sehzentrum, dort wo die Bilder im Hirn zusammengesetzt werden, sehr stark betroffen ist von der Hirnschädigung. Er sieht was, aber kein Mensch kann sagen, was er sieht. Eine Wahrnehmung seines eigenen Antlitzes – das ist hochspekulativ, ob er das kann.

Sie schreiben, dass Sie mit den Jahren grauer geworden sind, während ihre Frau „schön wie eh und je“  ist. Wie schwierig ist es, die Situation als Paar zu meistern?

Jaenicke: Das ist sehr schwierig. Wir können nur aus unserer Paarbeziehung sprechen. Aber wir wissen, dass andere Beziehungen gescheitert sind, die objektiv betrachtet weniger anstrengende Lebenssituationen zu meistern hatten. Bei uns war es so, dass uns die Situation sogar zusammengeschweißt hat. Weil nur der jeweils andere genau weiß, wie sich das anfüllt. Es gibt sehr viele Ehen, die an so etwas zerbrechen. Weil die kitschigen Träume, die man so hat, wie das Leben auszusehen hat, platzen – wie in der Werbung mit lachenden, blondgelockten Kindern, die am Frühstückstisch sitzen.

Wie oft träumen Sie nachts, dass Friedrich Sie ganz selbstverständlich fragt, ob Vater und Sohn Kartfahren gehen oder Fußballspielen?

Jaenicke: So was, so etwas ganz Konkretes habe ich noch nie geträumt. Es ist aber schon ein paarmal vorgekommen, dass ich geträumt habe, dass mich Friedrich anspricht und mich dabei anschaut. Er kann keinen Augenkontakt halten, in die Augen schauen oder sagen: Hallo Papa, wie geht‘s? Es war viel simpler als der konkrete Traum, den Sie geäußert haben. Die Situation, das wir im Traum als Familie etwa verreisen, das kommt schon vor.

Welche Resonanz haben Sie auf Ihre Bilder und das Buch erfahren?

Jaenicke: Das ist völlig überwältigend. Ich bekomme viele E-Mails, viele Briefe und ganz rührende Geschenke oder Fotos von Familien, die glücklich sind, dass der Friedrich sozusagen stellvertretend für ihre Kinder eine Öffentlichkeit erfährt. Diese Resonanz hat meine Frau und mich sehr bewegt. Wir sind da wahnsinnig dankbar für, dass so viel Resonanz da ist. Genau das wollten wir erreichen, dass andere Menschen sehen, dass hier ein Mensch ist, der zu uns gehört – egal wie krank oder gesund er ist.

Letztlich ist Gesundheit auch eine Auslegungssache.

Jaenicke: Was ist gesund? Mit einem vermeidlich nicht gesunden Kind ist ein bereicherndes Leben möglich. Im vergangenen Jahr war ich bei einer Volksradfahrtour, da traf ich eine junge Frau, die mir berichtete, dass sie Multiple Sklerose habe. Man sieht schlicht niemandem an, ob er gesund ist. Die Tabuisierung hilft niemandem. Wenn ich einen Bandscheibenvorfall habe, bin ich dann nicht mehr gesund? Eine von meinen Haupterkenntnissen im Buch ist: Glück ist dort, wo Liebe ist. Das ist das ganz Entscheidende. Ich bin für meine Foto-Reportagen viel in der Welt herumgekommen und habe erlebt: Je ärmer die Verhältnisse, desto mehr Glück empfinden Sie.

Sie haben etwa oft Indien bereist.

Jaenicke: Ich habe noch nie so viele glückliche Menschen gesehen wie in den Slums von Kalkutta. Das sind Menschen, denen es objektiv betrachtet sehr, sehr schlecht geht. Mir geht es nicht darum, das Leben mit Behinderung zu dokumentieren, sondern darum zu zeigen, wie man das Leben betrachtet. Das habe ich auch erst erfahren über das Leben mit meinem Sohn. Friedrich ist in seiner Welt glücklich.

Das Buch „Wer bist du? Unser Leben mit Friedrich“ ist im Aufbau-Verlag erschienen und kostet 24 Euro. Die Lesung am Freitag, 20. März, 19.30 Uhr in der Hochschul- und Kreisbibliothek in Rheinbach ist wegen Corona nicht öffentlich zugänglich, aber im Internet auf www.bib.h-bonn-rhein-sieg.de zu sehen.