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Eine Halbzeit mit Max Rendschmidt: Der Kanu-Weltmeister aus Bonn über Motivation und Training

Eine Halbzeit mit Max Rendschmidt : Der Kanu-Weltmeister aus Bonn über Motivation und Training

Im Turbo-Tempo ist Max Rendschmidt in der Weltspitze angekommen - dabei wird der Kanute aus Bonn-Ramersdorf im Dezember erst 20 Jahre alt. Als Kind paddelte Rendschmidt in Niederkassel auf einem Seitenarm des Rheins, inzwischen ist er Weltmeister. Das WM-Gold holte er erst kürzlich im Zweier-Kajak mit seinem Berliner Partner Marcus Groß in Duisburg, bei der GA-Sportlerwahl für September 2013 wurde er knapp geschlagen Zweiter.

Herr Rendschmidt, immer noch auf Wolke sieben nach dem WM-Titel?
Max Rendschmidt: Wenn ich mir das Rennen hier und da im Internet anschaue, dann bin ich doch sehr stolz darauf.

Ihre Mutter Ruth war 1988 in Seoul Olympia-Fünfte im deutschen Vierer, Ihr Vater Ralf und Ihr Stiefvater Willy erfolgreich auf dem Wildwasser unterwegs und letzterer war und ist Ihr Heimtrainer und ist bis heute noch Trainer der Leistungsklasse und Junioren bei ihrem Heimatverein Blau-Weiß Rheidt. Was konnten Sie früher: Laufen oder paddeln?
Rendschmidt: Durch meine Eltern bin ich, bevor ich Laufen konnte, wohl schon mitgepaddelt. Trotzdem glaube ich, das Laufen war eher.

Wann haben Sie das erste Mal selbst im Boot gesessen?
Rendschmidt: Mit sechs habe ich angefangen zu paddeln, und mit sieben oder acht Jahren bin ich dann die ersten Rennen gefahren – zunächst im Wildwasser.

Hat Ihnen das Vorteile für Ihre Rennsportkarriere gebracht?
Rendschmidt: Das Boot im Wildwasser beherrschen zu lernen, ist eine gute Schule. Als ich dann in den Rennsport gewechselt bin, habe ich gemerkt, dass ich mit Wind und Wellen besser umgehen konnte, als meine Konkurrenten. Im Wildwasser lernt man ein Boot unter unterschiedlichsten Bedingungen zu kontrollieren.

Ihre ersten Erfolge im Jugend- und Juniorenbereich haben Sie noch im Trikot von Blau-Weiß gefeiert. Dann kam der entscheidende Einschnitt mit dem Wechsel aufs Sportinternat nach Essen …
Rendschmidt: Ja. Mit dreizehn Jahren bin ich schon aufs Internat gewechselt und bin quasi drei Jahre aufgebaut worden, um im Rennsport vorne mitfahren zu können. Anfangs fuhr ich noch für den WSV Blau-Weiss-Rheidt. Aber dann hat mein Zweier-Partner Jannik Abraham, mit dem ich deutscher Jugendmeister geworden war, leider aufgehört, was mir die Entscheidung auch leichter gemacht hat.

[kein Linktext vorhanden]In Rheidt wäre Ihre sportliche Entwicklung nicht möglich gewesen?
Rendschmidt: Im Internat sind Schule und Sport am besten zu vereinbaren. Die Schule wird dabei oft nach den Bedürfnissen des Sports ausgerichtet. Und im Leistungsstützpunkt in Essen sind hauptamtliche Trainer, die immer Zeit haben. In Rheidt zum Beispiel kann mein Stiefvater erst im Anschluss an seinen Arbeitstag mit dem Training beginnen. Allein das ist schon ein Riesenunterschied. Dazu kommt die Qualität der Trainingspartner. In Essen kann ich mit dem sechsmaligen Weltmeister und Olympiadritten Max Hoff in einer Gruppe trainieren.

Trainieren Sie mit den anderen in einem Boot?
Rendschmidt: Zunächst nicht, die Grundlagen werden immer im Einer gelegt. Im Hinblick auf Wettkämpfe werden später dann die Mannschaftsboote zusammengesetzt.

Noch einmal zurück zu diesem Einschnitt in Ihrem Leben. Ist es nicht schwer als 13-Jähriger von der Familie getrennt zu werden, nur noch am Wochenende zu Hause zu sein?
Rendschmidt: Für mich persönlich war es nicht so schlimm. 150 Kilometer oder zwei Stunden mit der Bahn – das war nicht so das Problem. Am Wochenende war ich immer zu Hause.

Dann war die Trennung für die Mutter schwieriger als für Sie?
Rendschmidt: Ich denke, das ist wohl meistens so. Ich habe mich immer wohl gefühlt im Internat. Wir hatten schon im Rohbau eine Besichtigung des Internats und ich habe da schon gemerkt: Das ist mein Ding.

Erinnern Sie sich noch, was da in Ihrem Kopf vorgegangen ist?
Rendschmidt: Das habe ich nicht mehr so genau in Erinnerung. Ich weiß nur noch, dass ich immer der Jüngste war - und da hat mich der Ehrgeiz gepackt. Ich wollte mit den Älteren mithalten können.

Der Internats-Leiter Horst Melzer hat in einem Interview mal gesagt: Max ist völlig unkompliziert, angenehm, kollegial, zuvorkommend. Und Sie hätten ein Talent, dass besonders gut bei den Mädchen angekommen sei: Sie könnten bügeln?Rendschmidt: (lacht) Das haben die nur geglaubt, weil bei mir im Zimmer immer ein Bügelbrett stand. Aber eigentlich habe ich immer nur zwei Hemden zu bügeln gehabt. Ich hatte nur nie Lust, das Bügelbrett wegzuräumen. Und immer, wenn die hoch kamen, stand dann das Brett aufgebaut in meinem Zimmer.

Schule und Sport lassen sich in einem Internat bestens vereinbaren. Trotzdem hat Ihnen nach der mittleren Reife die Motivation gefehlt, noch das Abitur zu machen…
Rendschmidt: Nach dem Realschulabschluss bin ich auf die Gesamtschule gewechselt, was uns empfohlen wurde. Dort ging der Unterricht bis 16 Uhr, war also schwierig mit dem Sport zu vereinbaren. Irgendwann hatte ich so viele Fehlstunden, dass ich mich entscheiden musste, Schule oder Sport.

Wie fühlte sich das an?
Rendschmidt: Wenn die schulischen Leistungen ausbleiben, ist das deprimierend. Ich hatte dann auch gar keine Lust mehr am Sport, auch da stagnierte ich dann. Deshalb habe ich im Herbst 2011 mit den Eltern überlegt, wie geht es weiter? Abitur, ja oder nein? Als Kanute kann man schließlich nicht von seinem Sport leben.

Initiiert vom Deutschen Kanu-Verband, erhielten Sie dann das Angebot, zur Bundespolizei zu gehen.
Rendschmidt: Genau, und für mich ist es der richtige Weg, weil ich die Chance habe, auch nach der sportlichen Karriere noch zu studieren und meinen Lebensunterhalt zu verdienen.

Wie lange dauert Ihre Polizei-Ausbildung?
Rendschmidt: Normalerweise zweieinhalb Jahre. Für Sportler aber vier Jahre, wegen der Wettkämpfe zwischendurch. Immer von September bis Dezember habe ich Ausbildung. Den Rest des Jahres bin ich für Training und Wettkämpfe freigestellt.

Können Sie sich vorstellen, später als Polizist zu arbeiten, oder ist das abwegig?
Rendschmidt: Bisher ist das noch sehr theoretisch, aber ich kann es mir sehr gut vorstellen. Ich bin überzeugt, dass das was wird. Aber momentan steht der Sport im Fokus. Wahrscheinlich werde ich 2017 mit der Ausbildung fertig sein. Dann schauen wir weiter.

Sie haben gesagt, von Ihrem Sport kann man nicht leben. Planen Sie langfristig oder sagen Sie? Jetzt habe ich noch zehn Jahre Zeit. Mal sehen, was dann kommt?
Rendschmidt: Gedanken langfristig muss man sich auf jeden Fall machen – das ist doch in allen Sportarten so, in denen keine Reichtümer zu verdienen sind. Ich bin jedenfalls sehr froh, dass ich erst einmal abgesichert bin für die Zukunft. Bei der Bundespolizei geht die Perspektive über die Zeit als Sportler hinaus - anders als bei der Bundeswehr, die ihre Leute nach der sportlichen Laufbahn oft entlassen. Und dann stehst Du da! Ich kann später auf Fachhochschulen noch studieren. Eine Perspektive ist zum Beispiel der Aufstieg in den gehobenen Dienst.

Stichwort Verdienst: Sind Sie manchmal neidisch auf das Einkommen von Fußballern?
Rendschmidt: Natürlich würde auch ich gerne eine Million im Jahr verdienen. Aber ich betreibe meinen Sport nicht deshalb. Ich habe einfach einen Riesenspaß daran -, außer im Winter, wenn es zu doll friert. Außerdem habe ich die Sporthilfe und kleinere Sponsoren, die mich unterstützen.

Es lässt sich also immerhin gut leben?
Rendschmidt: Was heißt gut leben? Ich bekomme mein Ausbildungsgehalt plus die Unterstützung kleinerer Sponsoren. Aber für die Zeit, die man investiert, ist es finanziell nicht lukrativ. Als Ausgleich kommt man durch die Wettkämpfe viel in der Welt rum.

Wie sieht denn Ihr Trainingsumfang zeitlich aus?
Rendschmidt: Derzeit, in der Nicht-Wettkampf-Zeit kommen bis zu 20 Stunden die Woche zusammen. Wenn es auf die Wettkämpfe im Frühjahr zugeht, können das aber auch bis zu 40 werden. Dann sind wir oft im Trainingslager: Da wird quasi den ganzen Tag trainiert. Das sind dann vier, fünf Einheiten täglich.

Wo ist denn die Belastungsgrenze? Wie viele Stunden kann einer trainieren?
Rendschmidt: Wenn ich mir Max Hoff ansehe, dann weiß ich, dass das Training bei mir noch ausbaufähig ist. Was er trainiert, ist schon der Wahnsinn. Aber man sieht bei auch, dass man dadurch verletzungsanfälliger wird.

Wie ist eigentlich die Zusammenarbeit mit ihrem Zweierpartner Marcus Groß aus Berlin zustande gekommen?
Rendschmidt: Am Anfang des Jahres mussten wir uns im Einer für das Team qualifizieren. Vor dem ersten Weltcup wurde ich im Vierer auf Position drei eingesetzt. Aber das Boot wollte nicht so richtig laufen, es kam kein richtiger Rhythmus rein. Weil aber auch bei den Zweiern kein wirklich gutes Boot dabei war, hatte Bundestrainer Detlef Hofmann die Idee, mich mit Marcus in den Zweier zu setzen.

Ein Glücksfall?
Rendschmidt: Ja, das Boot lief von Anfang an. Wir haben sofort unser erstes Weltcuprennen gewonnen, dann die EM-Titel über 1000 und 500 Meter - und im erst vierten gemeinsamen Rennen sind wir dann Weltmeister geworden.

Sie sagen, zwischen Ihnen hat es sofort gestimmt? Kann man das an irgendetwas festmachen?
Rendschmidt: Man merkt schon beim Einsteigen und Losfahren, ob es stimmt oder nicht. Wenn dann auch noch gleich die Testzeiten stimmen, gibt das noch mehr Auftrieb.

Gibt es eigentlich einen Chef im Boot?
Rendschmidt: Es gibt den, der den Schlag vorgibt. Das bin ich, weil ich in Fahrtrichtung vorne sitze. Der hinten muss den Schlag halten. Er darf aber auch nicht zu viel schieben. Dann habe ich keinen Druck mehr auf dem Paddel. Wenn er zu wenig schiebt, muss ich zu viel Druck aufbauen. Das muss schon alles stimmen. Es ist ein anspruchsvoller Job.

Ist das vergleichbar mit dem Ruder-Achter, wo der Maschinenraum funktionieren muss?
Rendschmidt: Ganz genau. Es muss halt von Anfang bis zum Ende harmonieren.

Beim Vierer also eine noch größere Herausforderung?
Rendschmidt: Es sind halt vier verschiedene Personen, an denen es liegen kann, wenn eine Unregelmäßigkeit auftritt. Im Zweier ist es etwas einfacher, sich aufeinander einzustellen.

Ist denn der Vierer auch im Kanu das Flaggschiff wie der Achter im Rudern?
Rendschmidt: Der Vierer ist schon etwas ganz Besonderes, ein noch anspruchsvolleres Boot.

Ist deshalb für Sie ein Wechsel ins Großboot für Olympia in Brasilien der große Traum?
Rendschmidt: So schnell, wie Marcus und ich im Zweier nach vorne gefahren sind und die anderen geärgert haben, wäre es unsinnig, zu wechseln. Wir wollen weiter zusammen fahren.

Planen Sie schon für Olympia 2016 in Rio de Janeiro?
Rendschmidt: Die Zweier-Erfolge dieses Jahr waren phänomenal. Wir denken erst einmal nur an das nächste Jahr. Dann gibt es wieder Europa- und Weltmeisterschaften. Da legen wir unser Hauptaugenmerk drauf. Man muss die Leistung halt auf Dauer bringen. Das ist zunächst die Herausforderung.

Spüren Sie nach dem WM-Titel mehr Druck als vorher?
Rendschmidt: Klar sagen die Nachbarn und das Umfeld: Mensch klasse, jetzt kommst du zu Olympia. Aber ich persönlich versuche, diesen Erwartungsdruck erst einmal nicht an mich heranzulassen. Mein eigener Ehrgeiz ist mir Druck genug. Ich will halt vorne mitfahren.

Sie sind 19, ihr Partner 24 Jahre jung. Das verspricht ja eine Dominanz über Jahre hinweg…
Rendschmidt: Mal schauen. Wir hoffen das Beste - etwa, dass keine Krankheiten aufkommen. Rio ist noch weit weg, aber natürlich streben wir 2016 an.

Traditionell sind die Ungarn die größten Konkurrenten der deutschen Kanu-Flotte. Ist das immer noch so?
Rendschmidt: Viele Nationen haben aufgeholt. Die Weißrussen und Russen kommen – auch die Brasilianer in Vorbereitung auf Rio. Australien hat einen sehr guten Vierer. 78 Nationen waren bei der WM vertreten, die Leistungsdichte ist definitiv größer geworden, der Kampf um die Medaillen wird immer enger. Nur ein kleiner Fehler, und man ist nicht mehr Erster oder Zweiter, sondern Vierter oder Fünfter. Dann ist man ganz schnell von den Medaillenrängen weg. Wichtig ist: Wir müssen immer Vollgas geben im Training.

Das große sportliche Ziel ist Olympia. Gibt es darüber hinaus schon so etwas wie einen Lebensplan?
Rendschmidt: Sportlich noch nicht. Das ist einfach zu weit weg. Der Olympiazyklus beträgt vier Jahre, nach Rio sind wir schon bei 2020. Meine Ausbildung will ich 2017 beenden. Dann kann ich beruhigter in die Zukunft schauen, weil ich dann abgesichert bin. Wenn es im Sport dann nicht mehr klappt, habe ich ein wichtiges Standbein und kann hoffentlich beruhigt weitere Ziele angehen.

Stichwort Doping: Spielt die Leistungsmanipulation im Kanu eine Rolle oder nicht?
Rendschmidt: Bei uns nicht. Durch die Nationale Anti Doping Agentur, die ja in Bonn ansässig ist, werden wir häufig kontrolliert. Ich muss jeden Tag eintragen, wo ich bin. Das heißt, die wissen jetzt, dass ich hier beim Interview sitze und können jederzeit auftauchen.

Wie oft kommen die denn?
Rendschmidt: In diesem Jahr bin ich schon sechs oder sieben Mal kontrolliert worden – nach Wettkämpfen, aber auch beim Training. Seit ich im A-Team bin, hat das deutlich zugenommen.

Wurden Sie nach dem WM-Titel auch kontrolliert?
Renmdschmidt: Ja, direkt nach dem Rennen kamen die Kontrolleure, ich durfte zwar noch zur Siegerehrung, aber sie haben mich die ganze Zeit nicht aus den Augen gelassen.

Das Nationaltrikot Ihrer Mutter vom Olympiastart 1988 hängt hier im Trainingsraum; ebenso ein Plakat des dreimaligen Olympiasiegers Andy Dittmer. Waren oder sind das Vorbilder für Sie?
Rendschmidt: Klar ist Andy Dittmer ein Vorbild, aber nicht zuletzt auch mein Trainingskollege Max Hoff. Bei meiner Mutter ist das etwas schwieriger. (schmunzelt und spricht nach einer Pause mit verschitztem Gesichtsausdruck weiter) Was heißt Vorbild? Sie hat mich halt immer zum Training gedrängt, auch wenn ich keine Lust hatte, weil es etwa geregnet hat oder Frost herrschte. Da hat sie mir immer mit dem Stock auf die Finger gehauen … (lacht). Nein, Spass beiseite: Es ist eine riesige Unterstützung wenn die Eltern dahinter stehen.

Hört sich nach großer Dankbarkeit an …
Rendschmidt: Genau. Ohne die Eltern wäre ich nicht da, wo ich bin.

Gibt es eine Grenze beim Training? Zum Beispiel im Winter? Inzwischen steht die Mutter mit dem Knüppel ja nicht mehr dahinter. Wie kalt darf es sein?
Rendschmidt: Das Kälteste, was ich hier auf dem Rhein mal hatte, waren minus 13 Grad. Das war schon abartig. Aber auf der anderen Seite auch lustig, weil die Wassertropfen, die beim Paddeln aufs Boot spritzen, bei geringen Minusgraden gefrieren. Aber bei minus 13 Grad wurden sie sogleich zu Eis. Da war das Boot tagelang vereist - sogar drei, vier Wochen lang, weil unsere Bootshalle nicht beheizt ist.