1. Meinung
  2. Kommentare

Kommentar zum Holocaust-­Gedenken im Bundestag: Schuld und Chance

Kommentar zum Holocaust-­Gedenken im Bundestag : Schuld und Chance

Versöhnung ist ein großes Wort. Frank-Walter Steinmeier und Reuven Rivlin haben stellvertretend für ihre Länder und Völker am Mittwoch im Bundestag gezeigt, dass eine solche Versöhnung die Tagespolitik erreichen und große Stunden erzeugen kann, kommentiert Holger Möhle.

Die Staatsoberhäupter von Deutschland und Israel verstehen sich inzwischen als Freunde. 75 Jahre nach der Befreiung des NS-Konzentrationslagers Auschwitz hat der Bundestag in einer schweren, einer schönen, einer schmerzhaften Stunde der Opfer des verbrecherischen Holocaust und seiner wahnwitzigen industriellen Menschenvernichtungsmaschinerie gedacht.

Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble, Steinmeier und Rivlin haben an die historische Schuld Deutschlands erinnert beziehungsweise die Hand zur Versöhnung ausgestreckt und ergriffen. Eine Geste auch als Symbol für kommende Generationen.

Nie wieder! Zwei Worte gedacht als Mahnung gerade in Zeiten, da Antisemitismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit in vielen Staaten Europas um sich greifen, wieder salonfähig werden, in die politischen und gesellschaftlichen Debatten einsickern. Schweigen ist dabei keine Alternative, weil Demokratie Auseinandersetzung und Einmischung verlangt. Freiheit ist alles andere als selbstverständlich. Der Rechtsstaat muss gegen jene verteidigt werden, die ihn heute wieder nationalistisch aufladen und überwinden wollen. Steinmeier nahm von derlei Einflüssen ausdrücklich auch den Bundestag nicht aus, warnte dabei vor der Zertrümmerung von Rechtsstaat und Demokratie. Die rechte AfD durfte sich angesprochen fühlen. Deren Fraktionschef Alexander Gauland, der die NS-Zeit einst als „Vogelschiss“ verharmlost hatte, klatschte erkennbar müde, als Steinmeier die Shoa als Teil der deutschen Geschichte bezeichnete.

Das Verhältnis zwischen Deutschland und Israel wird immer ein besonderes, ein außergewöhnliches, ein sensibles, auch ein historisch belastetes bleiben, und es ist dennoch Chance. Es zeigt, dass selbst dunkelste Stunden überwunden werden können und tiefste Schuld aufgearbeitet werden kann, wenn beide Seite es wollen.

Die deutsch-israelische Freundschaft ist schwer erarbeitet. Sie muss verteidigt werden gegen aufkeimenden Antisemitismus und alle Kräfte, die glauben machen wollen, die Geschichtsbücher hätten zwischen 1933 und 1945 leere Seiten.