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Malen statt musizieren für Beethoven: Bonner Peter Wierny lässt internationale Stars zeichnen

Malen statt musizieren für Beethoven : Bonner Peter Wierny lässt internationale Stars zeichnen

Wenn der Bonner Galerist Peter Wierny für den guten Zweck trommelt, machen alle mit: internationale Rockstars von Roger Daltrey über Donovan bis Graham Nash, Komiker Otto Waalkes und viele, viele mehr.

Peter Wierny ist kein Marktschreier. Er gehört eher zu jenen Menschen, die abseits der Scheinwerferspots arbeiten. Aber wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat, dann arbeitet er hartnäckig daran, das umzusetzen. So wie vor sechs Jahren, als er als einer der wenigen Galeristen in Europa, die ungewöhnlichen Fotos des Sängers und Musikers Graham Nash (Crosby Stills Nash & Young) in Bonn ausstellte. Und die berühmte Woodstock-Legende eröffnete sogar selbst die Ausstellung im Haus an der Bennauerstraße.

Und jetzt hat sich der 67-jährige Wierny wieder ein ungewöhnliches Projekt vorgenommen. „Roll over Beathoven“ hat er es genannt, und es soll ein Beitrag für das Beethoven-Jubiläumsjahr werden. Er bringt Prominente dazu, ihr Bild vom Bonner Komponisten umzusetzen. Der Erlös der Aktion soll einem karitativen Kinderprojekt zugutekommen.

Natürlich hat sich Graham Nash, der gerade von Hawaii nach New York umgezogen ist, mit einem Bild beteiligt. Ein grafisches Werk, das die Rasterung alter Fotovorlagen für den Zeitungsdruck aufgreift, aber auch die Strichcodes eines Digitaldrucks. Das Gesicht des Komponisten ist merkwürdig verzerrt, was seinem Aussehen etwas Animalisches gibt. Es erinnert an die Romanfigur Dr. Jekyll und Mr. Hyde von Robert Louis Stevenson.

Otto Waalkes und Udo Lindenberg zeichnen mit Humor

Der Komiker Otto Waalkes hat sein außergewöhnlich gut gemaltes Bild gerade erst abgeliefert: Es zeigt den Komponisten mit Baseballkäppi, das natürlich sich zwei küssende „Ottifanten“ zieren, beim Komponieren von „Für Elise“.

Den studierten Grafiker Bernhard Paul lernte Peter Wierny 1976 kennen. Wierny war damals Student und begann, Fotos vom Zirkus Roncalli zu machen, der gerade auf der Hofgartenwiese gastierte. Die ungewöhnlichen Ansichten des Bonners gefielen dem Zirkusdirektor. Seitdem sind die beiden befreundet, gehen jede Woche einmal gemeinsam frühstücken – wenn Paul in Köln ist. Pauls Beethoven trägt Kopfhörer – so wie auch die sehr akkurate Bleichstiftzeichnung des Deep-Purple-Bassisten Roger Glover. „Die beiden haben sich nicht abgesprochen“, sagt Wierny lachend. „Aber irre war es schon, als ich an diesem Morgen die zwei Rollen erhielt, sie auspackte und die beiden Motive sah. Ich konnte kaum glauben, dass beide dieselbe Idee hatten.“

Udo Lindenberg zeichnet Beethovens Klavierlehrerin, natürlich ist der Panikrocker auch selbst im Bild zu sehen – mit Cocktailglas in der Hand. Vom Künstler Jörg Immendorf hat Wierny noch einen Druck, den dieser 1997 für die Beethovengesellschaft entworfen hatte – natürlich auf Initiative Wiernys hin. Als die Bilder damals fertig waren, hatte sich die Gesellschaft schon wieder aufgelöst.

Auch der fünfte Beatle ist dabei

Woher hat Wierny all diese Kontakte? „Das ergibt sich manchmal so“, sagt er zunächst ausweichend. Lindenberg lernte er 2005 im Haus der Geschichte kennen, als die Ausstellung „Keine Panik – Udo Lindenbergs bunte Republik“ eröffnet wurde. Klaus Voormann, der als „fünfter Beatle“ schon mal den Bass für die Liverpooler spielte und manche Plattencovers für sie entwarf, hatte Wierny eine für Lindenberg gewidmete Grafik mitgegeben. Lindenberg freute sich dermaßen, dass er Wierny nach Voormanns Telefonnummer fragte. „Seitdem treffen wir uns immer wieder“, so Wierny. Ach ja, Voormann hat für die Aktion auch eine Radierung beigesteuert: Sie zeigt Paul McCartney und John Lennon beim Musizieren.

Donovan macht mit, Campino steuerte eine signierte Langspielplatte von den Toten Hosen bei („Ein kleines bisschen Horrorshow. Lieder aus Clockwork Orange“), und von Chuck Berry erhielt Wierny bei dessen letztem Gastspiel in Bonn 2005 eine Originalsingle von „Roll Over Beethoven“ mit Autogramm des Rock ’n’ Roll-Pioniers. Andy Summers (The Police) unterschrieb bei seiner jüngsten Ausstellungseröffnung in Maastricht eine eigene Schallplatte, Roger Daltrey (The Who) hat zugesagt, ein Bild von Beethoven zu malen. Den wiederrum hat Wierny über einen Freund in London kennengelernt.

Wolfgang Niedecken (BAP) hat sich zwar zurzeit zurückgezogen, um neue Songs zu schreiben, aber auch der ehemalige Kunststudent will sich künstlerisch mit Beethoven auseinandersetzen, so wie auch Deep Purple-Drummer Ian Paice, der das gute Stück mitbringen will, wenn er im November in der Bonner Harmonie auftritt. Der deutsche Maler Sebastian Krüger, der vor allem wegen seiner ungewöhnlichen und karikierenden Künstlerporträts bekannt ist, steuert einen schelmisch lächelnden Ludwig van Beethoven bei.

Coverlegende John Van Hamersveld

Das ist aber noch lange nicht alles, was Wierny für Beethoven 2020 organisiert. Für seinen jüngsten Coup war er gerade in Los Angeles bei John Van Hamersveld. Der Name wird vielen nichts sagen. Doch seine Werke kennen fast alle. Der 78-Jährige hat als Art Director für das Surfer Magazine und Capitol Records Hunderte von Album-Covers für Musiker wie die Rolling Stones und die Beatles entworfen und über Jahrzehnte die Ästhetik der Surfkultur anführte. Das Filmplakat zu „The Endless Summer“ aus dem Jahr 1964 mit dem blutroten Hintergrund und den schemenhaften Surfern, die wie stolze Masai ihre Bretter tragen, hängt sicher auch heute noch in vielen Jugendzimmern. Sein Konzertplakat für Jimi Hendrix im Shrine Auditorium von L.A. im Jahr 1968 ist im kollektiven Gedächtnis eingebrannt.

Das Surferplakat hing auch im Zimmer von Wiernys Sohn Nico, der ein begeisterter Surfer war und ist. „Als ich nach einem Plakatmotiv für meine Aktion suchte, kam mir dieses Plakat in Nicos Zimmer in den Sinn“, sagte Wierny. Nico ist heute 33 und ist verheiratet. Das Plakat hat er immer noch. Also begann Wierny zu googlen und entdeckte das Beethoven-Plakat von Hamersveld. „Eigentlich wollte ich von ihm nur die Erlaubnis, das Motiv für meine Einladungen zu benutzen, und ich schrieb ihm eine E-Mail.“ Kurze Zeit später rief Hamersveld bei dem Bonner Galeristen an. „Wir haben sicher anderthalb Stunden telefoniert. Das war so spannend und nett, dass wir vereinbarten, etwas gemeinsam zu machen. Wierny flog nach Los Angeles.

Hamersveld war einer der wichtigsten Plakatkünstler der psychedelischen Rock-Ära in Los Angeles. Er war auch der Mann, an den sich die Rolling Stones wandten, um das mächtige Album „Exile On Main Street“ von 1972 künstlerisch zu verpacken. Es folgten mehr als 300 Albumcover, darunter von den Beatles „Magical Mystery Tour“, Jefferson Airplanes‘ „Crown of Creation“, Grateful Deads „Skeletons in the Closet“ und Blondie's „Eat to the Beat“, „Hotter Than Hell“ von KISS. Darüber hinaus arbeitete Van Hamersveld mit dem Illustrator Rick Griffin, der für seine psychedelischen Poster und Comics („Murphy“) bekannt war. Van Hamersvelds Bilder hängen mittlerweile im Smithsonian Institute, im Los Angeles County Kunstmuseum, im Museum of Modern Art, im Experience Music Project und in der Rock and Roll Hall of Fame zu finden.

Wer kennt das Plakat nicht?

„Ich bin als Surfer in Südkalifornien aufgewachsen. Ich reiste überall hin, um zu surfen und andere Surfbanden in den 50ern zu treffen. Das Plakat entstand, als ich Student an einer Kunstschule in der kleinen Stadt Dana Point war. Der Film und das Plakat gingen nach New York City und schlugen gleich ein“, erinnert sich Hamersveld, der immer noch im Süden der LA-Area am Meer lebt.

Jetzt hat Hamersveld Beethoven aufgenommen in seinen Kunstzyklus. Ludwig van Beethoven schaut ernst, aber nicht unfreundlich, die wilde an Hendrix erinnernde Mähne brennt wie Feuer. „Beethoven war zu seiner Zeit auch flippig“, erklärt Hamersveld. Das Plakat hatte er ursprünglich für New West Symphony Orchestra unter Boris Brott entworfen. Das ist schon gut zehn Jahre her.

Wieso überhaupt die Zuwendung zur Klassik? „Es begann mit Mozart“, erzählt seine Frau Alida Post, die früher lange Jahre Galeristin in New York war. „Wir fuhren durch Kanada und da lief im Radio etwas zum 250. Geburtstag von Mozart. Ich schaute aus dem Fenster ins Nichts und dachte, was macht man damit? Mein Vater kommt ja aus der Klassik, und Johns Großmutter war klassische Pianistin. Und wir dachten: Warum sollte man Mozart und Beethoven nicht mit Hendrix, Dylan und Cream verbinden?“

Eric Clapton und Ginger Baker hassten sich

2005 zur einmaligen Wiedervereinigung von Eric Clapton, Jack Bruce und Ginger Baker als Cream für einige Konzerte in der Royal Albert Hall in London hat Hamersveld auch ein Plakat entworfen. „Eric Claptons Manager rief mich eines Tages an und reichte Clapton den Hörer weiter. Der sagte: Hallo, hier ist Eric am Telefon. Kannst du dich noch an mich erinnern? Wir trafen uns mal in den Sechzigern. Als ob ich das vergessen würde. Er sagte: Kannst du ein Plakat für uns entwerfen?“

Hamersveld und seine Frau trafen Clapton und die Band in den 60ern. „Das war in New York. 1968 oder 69. Sie spielten zwei Nächte hineinander“, erzählt Hamersveld, und seine Frau ergänzte lachend: „Eric und Ginger hassten sich. Sie standen immer an verschiedenen Enden des Raums, auch als wir Backstage in der Garderobe waren. Es war unvergesslich.“

Für ihre Wiedervereinigung 2005 wollte die Band ein Plakat haben, das an die 60er erinnerte. „Ich entwarf es, und es wurde in einer Auflage von 500 Stück gedruckt. Kurze Zeit später llief mich das Management an und sagte: John, wir brauchen mehr. Die Leute reißen uns die Plakate aus der Hand. Sie verkauften es damals für 40 Pfund. Heute hat es Sammlerwert.“

Der Zeitgeist der Sixties

Die Plakate mussten das Gefühl des Zeitgeist darstellen. „Damals in den Sixties war alles sehr theatralisch: die Kleidung, die Haltung, der Sound, die Bühnenpräsenz, das Licht – alles sehr dramatisch“, erklärte er. „Als Hendrix 1968 im Shrine Auditorium in LA auftreten sollte, hatte ich ein paar Entwürfe gezeichnet. Aber am Morgen des 28. Dezember 1967, als ich mich in meinem zweitstöckigen Coronado Street Studio an den Zeichentisch setzte, begann ich eine neue Art des Zeichnens für das Plakat. Das Morgenlicht fiel durch das große vordere Fenster der Studioecke und warf das Licht über den Tisch, der sich über das Papier ausbreitete. Mit meinem schwarzen Stift in der Hand begann ich, aus dem Bild in meinem Kopf das Porträt des Kopfes von Jimi Hendrix mit verdrahtetem Haar zu zeichnen, wie eine modische Frisur aus London. Ich habe die Zeichnung eine Woche lang in eine Schublade gelegt, um darüber nachzudenken. Dann wurde das Plakat lokal aufgehängt, dann national und später weltweit.“

Die Beethoven-Motive entstehen in einer geringen Auflage, und es gibt sie in verschiedenen Größen. Wierny hat auch ein paar Originale mit Porträts von Dylan und John Lennon mitgebracht. Sie werden im kommenden Jahr ausgestellt – und für einen guten Zweck verkauft.