Kommentar Das Festspielhaus - Bonn darf das

BONN · Darf eine Stadt, die hochverschuldet ist, deutliche Steuererhöhungen plant und drastische Einschnitte bei der kommunalen Grundversorgung ins Auge fasst, viel Geld in ein freiwilliges, zusätzliches und zudem sehr teures kulturpolitisches Projekt stecken? Um diese Frage dreht sich seit Jahren das Für und Wider beim Projekt Festspielhaus.

Jetzt liegen die Siegerentwürfe des Architekturwettbewerbs vor. Und wie schon beim ersten Anlauf vor rund sechs Jahren gerät man beim Betrachten der Modelle, Skizzen, Animationen schnell ins Schwärmen. Gewiss täte Bonn so ein Konzerthaus gut, würde ein architektonisches Ausrufezeichen am Rheinufer zwischen Oper und Beethovenhalle gesetzt. Aber ist es sinnvoll und bezahlbar?

Wir wollen an dieser Stelle nicht erneut die Finanzierung aufschlüsseln, die nach wie vor nicht bis ins letzte Detail geklärt ist, sich aber mit einem Mix aus erheblichen privaten Mitteln für den Bau des Hauses sowie Zuschüssen für den Betrieb zumindest auf einem guten Weg befindet. Doch auch die fast zahlungsunfähige Stadt wird einige Millionen Euro beisteuern müssen. Ist dieses Investment vor allem in den Betrieb des Konzerthauses sowie Grund und Boden neben der Beethovenhalle zu rechtfertigen?

Es ist zu rechtfertigen. Wenn es bei den aufgerufenen Kosten bleibt, investiert Bonn in ein Zukunftsprojekt mit der Marke Beethoven. Das allein ist aber noch kein Garant für den Erfolg, kein Garant für die immer wieder angeführte Umwegrentabilität, die durch angelockte Kulturtouristen und damit zusätzliche Einnahmen für Hotels oder Handel erreicht werden soll.

Kein Garant dafür, dass sich das millionenschwere Investment amortisiert. Beethoven ist ein Magnet mit weltweiter Strahlkraft. Aber ohne ein extrem ambitioniertes Konzept für die Inhalte, die ein neuer Konzertsaal in Bonn transportieren soll, wird auch der Name Beethoven nicht die Massen anziehen, die ein neues Festspielhaus braucht, um wirtschaftlich über zwölf Monate im Jahr erfolgreich zu sein oder im Konzert europäischer Festspiele in Salzburg, Bayreuth oder Bregenz mithalten zu können.

Kann sich Bonn eine Oper leisten? Was kostet die Sanierung der Beethovenhalle in neuer Funktion als Mehrzweckhalle? Wie sieht das Zusammenspiel von Oper, Theater, neuem Konzerthaus und alter Beethovenhalle denn aus? Abermals: Auch wenn es gelingt, Bau und Betrieb des Konzerthauses finanziell abzusichern, ist die wahre Herausforderung die Erstellung eines überzeugenden kulturpolitischen Konzeptes, mit dem die verschiedenen Themen und Sparten in Bonn künftig bespielt werden. Beethoven ist dabei eine immens wichtige, aber nur eine von vielen Facetten.

Die Post und andere (private) Investoren gehen seit Jahren in Vorleistung. Aber Steine und Glas sind nur eine schöne Hülle, mögen sie auch noch so wertvoll sein, glänzen und schimmern wie fast alle architektonischen Entwürfe zum Konzertsaal. Politik und Verwaltung müssen endlich Inhalte liefern für die kulturelle Zukunft der Stadt, müssen sich fokussieren, konzentrieren und mutig entscheiden, wohin Bonn mit seinem Juwel Beethoven steuern soll. Diese Arbeit muss endlich getan werden, und zwar unabhängig vom Schuldenstand der Stadt.

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