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"Waffenschweine" in den Kammerspielen: Bier, Blut und Boden

"Waffenschweine" in den Kammerspielen : Bier, Blut und Boden

Germania ist auf der Bühne der Kammerspiele keine mit Brustpanzer hochgerüstete Matrone, sondern ziemlich sexy, eine junge blonde Frau mit Deutschlandfahne und Schwert.

Und die acht Studenten, die bald ihre dumpf dröhnenden Jünger werden sollen, sind keine nationalkonservativ verbohrten Schnösel oder gar verkappte Nazis, sondern ganz normale Studenten, die Kontakte und billigen Wohnraum brauchen, sich Gedanken über ihr Fortkommen machen, Antworten auf ihre Fragen nach der Zukunft suchen. In Germanias Schoß werden sie alles finden. Germanias Schoß, das sind die Corporationen und Burschenschaften, die schlagenden und saufenden Studentenverbindungen.

Regisseur Volker Lösch und die Bonner Schauspieldirektorin Nicola Bramkamp haben auf der Basis von Gesine Schmidts Dokumentarstück "Bier, Blut und Bundesbrüder" dieses komplexe und politisch brisante Feld der schlagenden Verbindungen mit Blick auf die Bonner Situation neu bearbeitet, haben gründlich recherchiert.

"Waffenschweine" heißt der Stoff nun. Am Freitag wurde das Stück in den Kammerspielen uraufgeführt. Großer Jubel, langer Applaus nach dem Vorhang, sogar anwesende aktive Burschenschafter (siehe unten) und etliche "Alte Herren" im Publikum waren begeistert. Ist da etwas schief gelaufen? Wollte man nicht den Biedermännern mit den Schmissen im Gesicht den Spiegel vorhalten? Es wurde viel gelacht an diesem Premierenabend. Vielleicht zu viel für dieses ernste Thema?

Es ist ein Rätsel. Denn Lösch hat mit seinem Team keinen Aspekt ausgelassen, von den liberalen Anfängen burschenschaftlicher Verbindungen und den schneidigen Ritualen über die dumpfen nationalistischen Lieder und eindeutig fremden- und frauenfeindlichen Gedanken bis zu den beruflichen und politischen Seilschaften unter Bundesbrüdern. Die Bonner Inszenierung geht aber nicht den Weg des moralinsauren Leitartikels zum Thema, sondern wählt das Format der Doku-Revue mit Tempo, mehr oder weniger schmissiger Musik und flottem Szenenwechsel.

Komik statt Kommentar. "Waffenschweine", das kommt zunächst wie ein grotesker Werbeblock für das Verbindungswesen daher. Germania (verführerisch: Sophie Basse) nordet singend und deklamierend ihre Jünger ein, die fast nur im chorischen Kollektiv existieren und allesamt unglaublich präsent und wendig agieren: die Burschenschafter Steffen (Samuel Braun), Ricardo (Daniel Breitfelder), Thorsten (Glenn Goltz) und Marvin (Jonas Minthe) sowie die Corpsstudenten Friedrich (Benjamin Berger), Mark (Benjamin Grüter), Aziz (Robert Höller) und Leopold (Hajo Tuschy).

Diese Acht werden auf den Spuren von Nietzsche, der Mitglied der Bonner Burschenschaft Frankonia war, und Kaiser Wilhelm II., der sich als Kronprinz im Bonner Corps Borussia schlug, wandeln. "Super Masken, super Burschen, super Haltung, super Muskeln. Supergeil", schwärmt Germania in Anlehnung an einen Werbespot über die zum Fechten auf dem "Paukboden" angetretenen Studenten.

Nach 20 Minuten wirft sich ein erster Schatten auf die rustikale Jungmännerbündlerei. Da tanzt einer aus der Reihe. Mit ein paar Ohrfeigen wird der krittelnde Kommilitone wieder auf den rechten Weg gebracht, der Corps-Geist ist erneut ungetrübt, es kann - "Gaudeamus igitur" - zum gemütlichen Teil übergegangen werden.

Bier fließt in Strömen, das Kommando heißt "Füchse! Stoff!", womit die Novizen losgeschickt werden: "Bierversorgung sicher stellen!" Komasaufen, soviel ist klar, ist keine Erfindung unserer Tage. "Brüllsaufen" nennen das die Studenten. Und wer nicht mehr kann, kotzt oder sich in die Hosen macht, gerät zur Strafe in "Bierverschiss".

Was als Werbespot begann, wandelt sich auf der biertriefenden Bühne zum fiesen Männerritual mit obszönen Strafen und anschließendem homoerotischen Nackttanz der acht Bundesbrüder. Die treten bald darauf traditionell in Galakleidung, im "Vollwichs" an, verkörpern Galionsfiguren des schlagenden Verbindungswesens.

Hier wird's gruselig, dumpf deutschtümelnd, undemokratisch, rechtsradikal. Germania singt noch die erste Strophe des Deutschlandlieds und beklagt die Diskriminierung rechter Bundesbrüder. Quasi im Abspann hört man die Namen vieler Politiker und Wirtschaftslenker mit Wurzeln im rechten Verbindungswesen. Zum Lachen ist das nicht mehr. Ein starker Abend.

Kammerspiele, weitere Termine: 16., 25. Mai, 1., 21. Juni, 2., 5. Juli. Karten unter www.bonnticket.de und in den Bonnticket-Shops der GA-Zweigstellen.