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Klimaschutz und Klimaforschung in der Lehre : Erkenntnisse sollen unter die Haut gehen

Klimaschutz und Klimaforschung in der Lehre : Erkenntnisse sollen unter die Haut gehen

Eine studentische Projektgruppe der Uni Bonn und der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg fordert im Studium mehr Praxisbezug zum Klimaschutz. Leiterin Brigitte Peter: „Bei der Hochschulleitung stoßen wir auf offene Ohren.“

Studierende aus acht Fachrichtungen und zwei Hochschulen haben ein Jahr lang gemeinsam erkundet, wie sich der Graben zwischen Klimaforschung und Klimaschutz in der akademischen Lehre schließen lässt. Martin Wein sprach darüber mit Projektleiterin Brigitte Peter. 

Frau Peter, die Bewältigung der Klimakrise wird die junge Generation ihr Leben lang beschäftigen. Werden künftige Spezialisten und Führungskräfte an den Hochschulen ausreichend darauf vorbereitet?

Brigitte Peter: Bezogen auf reines Fachwissen leisten die Hochschulen meines Erachtens gute Arbeit. Wenn man aber eine Stadt wie Bonn oder ein Unternehmen klimaneutral machen will, dann geht es vor allem  darum, wie man mit allen Beteiligten Lösungen findet und ins Handeln kommt. Dafür braucht es Kompetenzen etwa im Bereich interdisziplinäres, systemisches Denken, Kommunikation, persönliche Fähigkeiten wie Perspektivwechsel oder Empathie. Das wird an den Hochschulen kaum vermittelt. 

Studierende der Uni Bonn und der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg haben in den letzten zwei Semestern mit dem Projekt „KlimaWandel – Learning for Future“ vom Wissenschaftsladen Bonn und der Uni konkrete Vorschläge entwickelt. Was ist dabei herausgekommen?

Peter: Vor allem der Wunsch, viel näher an der Praxis zu lernen und Lehre mitzugestalten. Am besten lernt man, wenn man emotional berührt ist, wenn einem Erkenntnisse unter die Haut gehen. Dann, das haben die Studierenden selbst gemerkt, will man ganz viel wissen. Organisatorisch braucht es mehr Flexibilität, indem man etwa aus dem Semester-Schema ausbricht. Manches braucht einfach mehr Zeit. 

Aber ist das nicht eher eine grundsätzliche Frage der Didaktik, die jeden Lehrinhalt betrifft?

Peter: Ja, das stimmt. Aber bei der Klimakrise können wir es uns buchstäblich nicht leisten, beim fachbezogenen Wissenserwerb stehen zu bleiben. Deshalb wollen die Studierenden so dringend lernen, wie gesellschaftlicher Wandel gelingen kann und welche Kompetenzen sie dafür brauchen.  

Brauchen wir einen eigenen Studiengang zur Klimaanpassung?

Peter: Einen rein naturwissenschaftlich orientierten Studiengang brauchen wir nicht. Als Querschnittsstudiengang verschiedener Disziplinen mit klarer Handlungsorientierung macht das vielleicht Sinn. Man kann aber die Inhalte auch im Studium Generale oder in fächerübergreifenden Modulen vermitteln. Wichtig: Es muss dafür credit points geben.

Sie haben die Ergebnisse der Hochschulleitung präsentiert. Wie war die Reaktion?

Peter: Wir sind auf offene Ohren gestoßen. Die Uni hat eben ihr Leitbild zur Nachhaltigkeit verabschiedet. Exzellenz hat danach auch die Aufgabe, zur Transformation beizutragen. So sind andere Lehrformate mit Partizipation, Kommunikation, Vernetzung und studentischem Engagement willkommen.

Auch die Unis sind mit ihren Forschungseinrichtungen und Uniklinika wesentliche Energie- und Flächenverbraucher, stehen aber als solche kaum im Fokus.

Peter: Das ist eine Diskrepanz, die man auflösen muss. Die Unis, die nachhaltig werden wollen, definieren das Ziel umfassend. Es geht immer um Lehre, Forschung und Betrieb. Die Teilziele lassen sich miteinander verbinden, indem Studierende sich in Projekten für Nachhaltigkeit einsetzen. Faktisch gibt es das Problem, dass viele Hochschulen etwa bei baulichen Fragen vom Bau- und Liegenschaftsbetrieb NRW abhängig sind. Mein Eindruck ist jedoch: Hochschulen haben in punkto Nachhaltigkeit oft den Betrieb im Blick, nicht jedoch die Lehre. Noch wichtiger als Gebäude ist der Mindset künftiger Generationen.