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Nach Skandal bei Tönnies: Kunden im Rhein-Sieg-Kreis legen Wert auf lokales Fleisch

Nach Skandal bei Tönnies : Kunden im Rhein-Sieg-Kreis legen Wert auf lokales Fleisch

Der Skandal beim Fleischkonzern Tönnies beschert Metzgereien in der Region neue Kunden. Viele dieser Metzgereien beziehen ihre Waren von kleinen Betrieben im Umland.

Mehr als 1500 Arbeiter haben sich beim Fleisch-Unternehmen Tönnies aus Rheda-Wiedenbrück mit dem Coronavirus infiziert. Ursache waren nicht zuletzt die schlechten Arbeitsbedingungen, denen die dort Tätigen ausgesetzt sind. Schichtbetrieb etwa gab es wohl nicht nur im Schlachthof, sondern auch in den Unterkünften für die aus Osteuropa stammenden, bei Subunternehmen angestellten Männer und Frauen. Der Ausbruch des Virus bei Deutschlands größtem Schweine-Schlachter macht deutlich, dass der Preis für Billig-Fleisch viel höher ist, als auf dem Etikett zu sehen. Und dass auch der Mensch ihn mitunter zahlen muss.

Immerhin: So mancher Kunde im Rhein-Sieg-Kreis scheint sich angesichts des Skandals nun mehr für die Herkunft seines Schnitzels zu interessieren. Das zumindest berichtet Oliver Baum von der Metzgerei Baum in Siegburg. „Wir merken, dass mehr gefragt wird, wo das Fleisch herkommt“, sagt er. Besonders junge Menschen, die Neukunden sind, stellten die Frage nach der Herkunft. Die beantwortet Baum gerne: „Wir bekommen unser Fleisch von zwei kleinen Schlachthöfen in der Eifel und im Sauerland.“ Zu den Produkten von Tönnies hat Baum indes eine klare Meinung: „Das ist Masse ohne Ende.“ Er rät zu „ein bisschen weniger“ Fleischkonsum, dazu, nur das zu kaufen, was nötig ist“.

Mehr Kunden in Metzgereien im Siebengebirge

Sabine Witt, die in der Metzgerei ihres Bruders Josef in Bad Honnef mitarbeitet, erzählt von vielen bisher unbekannten Kunden, die „kein Tönnies“ wollten und sich nach der Herkunft des Fleisches erkundigten. Witt zufolge bezieht die Metzgerei ihr Fleisch von einem „kleinen Schlachthof im Westerwald mit fünf bis sieben Mitarbeitern“. Ob auf Dauer wirklich mehr Kunden in ihr Geschäft kommen, ließe sich erst in drei bis vier Wochen sagen. Schließlich wisse man nicht, ob die Menschen auch wiederkommen.

Zurzeit zählt auch Dhana Schwarz, Chefin der Landmetzgerei Klein aus Königswinter-Siefen, mehr Kunden in ihrem Laden. Allerdings sei es problematisch, die Leute zu bedienen, die nach ihrer Einschätzung früher beim Discounter einkauften. „Der Kunde kommt jetzt rein, weiß aber nicht, was er möchte“, berichtet sie. Manche Kunden seien auch unfreundlicher geworden. Ein Mann habe kürzlich sogar ihre Mitarbeiterin zum Weinen gebracht, als er sich darüber beschwerte, dass er wegen des Coronavirus den Laden nicht gleichzeitig mit seiner Partnerin betreten konnte.

Eigene Schlachtung

Schlachten würden sie und ihre Kollegen noch selbst. Und zwar direkt vor Ort und mit einem kleinen, fest angestellten Team. An „Ämter und Verantwortliche“ appelliert Schwarz, beim Erlass von Vorschriften zwischen Betrieben der Fleischindustrie und Landmetzgereien wie ihrer eigenen zu unterscheiden.

Stephan Rieck von der Metzgerei Rieck in Bornheim-Waldorf ist aufgefallen, dass seine Kunden im Zuge der Krise um das Coronavirus mehr Zeit zum Kochen hatten und „gerne“ beim Metzger kauften. „In der Corona-Zeit nimmt man Qualitätsprodukte in die Hand“, sagt Rieck. Sein Schweinefleisch beziehe er aus Gelsenkirchen, das Rindfleisch aus Eschweiler. Bei beiden Schlachthöfen handele es sich um kleinere Betriebe, die nicht mit Tönnies zu vergleichen seien. Der Unterschied lasse sich schon an der Farbe des Fleisches erkennen.

Schlechte Bedingungen nicht nur auf Schlachthöfen

In Rheinbach ansässig ist die Metzgerei Merzbach. Chef Thorsten Merzbach nimmt wahr, dass sich das Geschäft nach dem vorläufigen Höhepunkt der Corona-Krise wieder normalisiert. Mehr Kunden wegen des Tönnies-Skandals gebe es nicht. Mit seinen Kollegen schlachte er die Tiere für sein Fleischsortiment selbst. Sogar über eine eigene Herde Rinder verfüge er noch.

Mit Blick auf den Skandal bei Tönnies verweist Merzbach da­rauf, dass es derartig problematische Zustände nicht nur bei Arbeitern in der Fleischindustrie gebe, sondern auch bei Erntehelfern. Berüchtigt wurde etwa der Fall der rumänischen Saisonarbeiter beim insolventen Erdbeer- und Spargelhof Ritter in Bornheim, bei dem nach Protesten wegen angeblich ausbleibendem Lohn und schlechter Unterbringung die Ernte abgebrochen wurde.

Für Merzbach sind schlechte Bedingungen für die Arbeiter in den Schlachthöfen von Tönnies und für Erntehelfer auf den Feldern die Konsequenz, „wenn es immer nur billig sein soll“.