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Natur und Kinder: Kinder brauchen ein Angebot

Natur und Kinder : Kinder brauchen ein Angebot

Als Rentner bringt Ralf Linden (70) bei den Waldfreunden in Duisdorf jungen Menschen die Natur nahe. Dabei fließen seine beruflichen Erfahrungen als Agraringenieur und Umwelt- und Naturexperte bei der US Army ein.

Seine Erkenntnis, dass wir immer die Kinder bleiben, die wir einmal waren, hat sich bei Ralf Linden (70) über viele Stationen seines Lebens bestätigt. Nicht erst seit seinem mit „Ruhestand“ nur unzulänglich bezeichneten Rentnerdasein mag er es gerne wild und humorvoll. „Man muss nur eine Nylonschnur an ein Portemonnaie binden, es auf den Boden legen und darauf warten, dass sich danach jemand bückt“, sagt Linden und lacht. Und dann müsse man es wegziehen. Ein Spaß, der für Kinder auch heute noch einen nativen Unterhaltungswert habe. „Kinder brauchen Streiche“, weiß Linden. Dabei ist es nicht die Freude an Streichen, die den jung gebliebenen Linden dazu brachte, dreimal im Leben den Beruf zu wechseln, sondern seine zunehmende Liebe zur Natur.

In den Sommerferien hat der Naturpädagoge Linden zusammen mit Ute Müller vom Bonner Verein Zukunft-Umwelt-Bildung (ZUB) das erste Sommercamp für Kinder und Jugendliche der Duisdorfer Waldfreunde durchgeführt. Vielleicht sei es bereits der große, teilweise verwilderte Garten seiner Kindheit in Duisburg-Rheinhausen gewesen, überlegt Linden, dass ihn schon früh alles faszinierte, „was da kreucht und fleucht“. Damit erklärt er sich auch seine Ausbildung zum Fischfachwirt, die er als 20-Jähriger zum Abschluss brachte, als er mit den Eltern schon längst nach Brühl gezogen war. Nach dem ersten Gesellenjahr war für Linden jedoch vorerst Schluss mit der Fischproduktion. „Es waren unerträgliche Verhältnisse“, erinnert er sich und setzt die damalige Fischhaltung und -zucht mit den Missständen bei der Schweinezucht gleich. „Dicke Fische aufzuziehen, war anfangs meine Leidenschaft“, erinnert sich Linden.

Doch je mehr er die tier- und umweltschädlichen Verhältnisse kennenlernte, desto intensiver wandte er sich der Ökologie zu. Er interessierte sich plötzlich mehr für die Frösche und Lurche in den Fischgehegen, die unter irreversiblen Schädigungen der Gewässerqualität durch den Nährstoffeintrag für Fische zu leiden gehabt hätten, als für die Fischaufzucht. „Das war alles nicht mehr appetitlich“, sagt Linden und beendet die Erinnerung an sein erstes Berufskapitel.

Nach einem Studium zum Agraringenieur kehrte er noch einmal als Betriebsleiter und Ausbilder zur Fischerei zurück, bis er von einer Freundin von den damals neuen Berufswegen im Umweltschutz hörte. Nach einer Zusatzausbildung trat er die neu geschaffene Stelle als Umweltbeauftragter bei der US Army in Bad Kreuznach an. „Dass ich Wehrdienstverweigerer war, hatte dort niemanden interessiert“, sagt Linden rückblickend. Den Job habe er übrigens dem damaligen Bundesumweltminister Klaus Töpfer zu verdanken, der mit der Einführung der Abfalltrennung für ein neues Umweltbewusstsein in Deutschland gesorgt hatte. Fortan war er elf Jahre lang für die fachgerechte Entsorgung in der Kaserne zuständig.

Mit einem Wechsel zur Army nach Kaiserslautern begann auch seine ehrenamtliche Tätigkeit als Umwelt- und Naturexperte. Als nach nahezu 20 Jahren unter amerikanischen Soldaten sein Dienst in Kaiserslautern endete, hatte er sich schon im Waldkindergarten der Stadt „unentbehrlich“ gemacht. Mit einer dort frei werdenden Stelle begann für ihn das vorerst letzte Kapitel seines Berufslebens. Berufsbegleitend begann er als 60-Jähriger eine für die Arbeit im Kindergarten erforderliche Ausbildung zum Erzieher und hat die Entscheidung bis heute nicht bereut. „Mit den pädagogischen Kenntnissen habe ich viel Neues erfahren.“

Begeistert berichtet er von einer anschließenden Zeit im Natur- und Waldkindergarten im Eifeler Kommern. Die Freude, die er empfindet, mit Kindern sein Naturverständnis zu teilen, ist sichtbar. Er ist überzeugt davon, dass Kinder einen großen Mehrwert durch die Begegnung mit der Natur erfahren. Dabei weiß er, dass er meist nur mit Kindern und Jugendlichen in Berührung kommt, deren Eltern bereits von diesem Wert der Natur wissen. Da gebe es weniger soziale Unterschiede bei der Herkunft der Kinde, als vielmehr die eines Bildungshintergrunds, so Linden.

Er bedauere jene Kinder, die ihre Naturerfahrungen nur virtuell vor dem Computer oder dem Fernseher erlebten. Es sei wichtig, sich auch einmal schmutzig machen zu können und mit Gummistiefeln und Kescher im Wasser zu stehen. Es sei wichtig, sich zu spüren: Kämpfen, Streichespielen, Schnitzen, Beerensammeln und Marmeladekochen.

Dabei vermittele sich die Natur von selbst. Das Draußensein verknüpfe sich mit einem für Kinder und Jugendliche wichtigen Freiraum, den sie mit allen Sinnen erfahren könnten. Spielerisch, zweckfrei und ohne allwissende, reglementierende Aufsicht. „Ich denke“, sagt Linden, „dass es für Kinder eine Riesenchance ist, die Natur zu erleben und sich darin zu entwickeln.“ Nur leider könne man das nicht forcieren. Gerne vergleiche er das mit den Schweinen, fährt Linden fort, „die kann man nicht ziehen, Schweine lassen sich nur durch Futter locken.“

Auch Kinder könne man nicht in die Natur drängen. „Man muss sie locken“, sagt Linden, lacht und zeigt sich diesbezüglich optimistisch.