1. Bonn
  2. Stadt Bonn

Pflegende Angehörige: Bonnerin fühlt sich alleingelassen mit der Pflege ihres Mannes

Pflegende Angehörige : Bonnerin fühlt sich alleingelassen mit der Pflege ihres Mannes

Margarete Schorn hat viele Monate in Bonn nach einem Platz für ihren erkrankten Mann gesucht. Jetzt ist er dauerhaft untergebracht. Die Bonnerin fühlt sich alleingelassen.

Margarete Schorn ist am Ende ihrer Kraft. Die vergangenen Wochen haben viel Energie gekostet. Zu viel für ein Leben, das sie seit Jahren an ihre körperlichen und seelischen Grenzen führt. Ein Dasein zwischen Aufopferung, Pflege und Hilflosigkeit. „Ich will mich nicht beklagen“, sagt sie mit ruhiger Stimme. „Aber ich fühle mich so alleine gelassen.“

Seit Jahren pflegt die 59-Jährige ihren Mann Heino und hat dafür ihren eigenen Beruf und ihr soziales Leben aufgegeben. Ihr 68-jähriger Partner leidet an Multipler Sklerose und ist mit Pflegegrad 4 schwer pflegebedürftig. „Wir wussten, wie sich die Krankheit entwickelt. Wir wussten auch, dass es keine Heilung gibt. Aber wir hatten die Hoffnung, dass wir mit dem, was auf uns zukommt, nicht im Stich gelassen werden. Heute weiß ich, dass das eine Illusion war“, sagt sie verbittert.

Anfangs arbeitete Margarete Schorn noch als Angestellte bei der Fachhochschule in Sankt Augustin. Doch als sie selbst chronisch krank wurde und die Pflege ihres Mannes immer aufwendiger, gab sie ihre Stelle auf. „Man wächst in die Pflege hinein“, berichtet sie. „Ich habe mir nach und nach einiges angeeignet und wir kamen zurecht.“ Zweimal am Tag kam der Pflegedienst ins Haus. Doch dann stand Margarete Schorn plötzlich ohne jede Unterstützung da. „Der Pflegedienst hatte mir von heute auf morgen gekündigt, und einen Platz für eine Kurzzeitpflege hatte ich auch nicht.“

Zuvor war Heino Schorn innerhalb kürzester Zeit mehrmals gestürzt und mit dem Rettungsdienst in verschiedene Krankenhäuser gebracht worden. Zusätzlich plagte den 68-Jährigen eine langwierige Bronchitis. „Nach ein paar Tagen wurde er stets wieder entlassen, obwohl die Bronchitis noch nicht auskuriert war“, erzählt die Ehefrau. Mit dem Ergebnis, dass der Pflegedienst befürchtet habe, sich anzustecken und kündigte, sagt sie. Das war, bevor es die ersten Einschränkungen aufgrund von Corona gab.

Heino Schorn sollte wenige Tage später wieder einmal nach Hause kommen. „Und ich hatte keine Hilfe mehr“, berichtet sie im GA-Gespräch. Wenigstens für eine Woche wollte sie den 68-Jährigen in eine Kurzzeitpflege geben, um die Weichen für ihr weiteres Leben zu stellen. „Ich habe überall angerufen. Trotzdem fand ich keinen Kurzzeitpflegeplatz.“ Erst mit Hilfe von Stefan János Wágner von der Pflegeselbsthilfe Bonn fand sie schließlich doch noch einen. Damit war das Problem allerdings nicht gelöst. Denn Margarete Schorn musste entscheiden, wie es weitergeht. Ohne die Hilfe des Pflegedienstes blieb nur der Umzug in ein Heim. Selbst mit Hilfe der Internetseite www.heimfinder.nrw.de wurde sie nicht fündig. „Ich habe überall angerufen. Die aufgeführten Plätze standen entweder nicht mehr zur Verfügung oder es wurden Unterbringungen in Häusern aufgeführt, die keinen Vertrag mit der Pflegekasse haben. Und die können wir uns nicht leisten“, ergänzt sie. 

Ein Problem, mit dem Margarete Schorn nicht alleine dasteht. „Die Lage auf dem Bonner Pflegemarkt ist angespannt“, bestätigt Kristina Buchmiller vom Presseamt auf GA-Anfrage. „Eine konkrete Vermittlung von vollstationären Heimplätzen oder Kurzzeitpflegeplätzen durch das Haus der Bonner Altenhilfe oder die Sozialdienste der Bonner Krankenhäuser ist in den letzten Jahren nur noch in besonderen Einzelfällen möglich, sodass Angehörige und Betreuer selbstständig Kontakt zu Einrichtungen herstellen und sich dort gegebenenfalls auf eine Warteliste setzen lassen müssen“, ergänzt sie. Nach ihren Angaben gab es 2018 in Bonn in 34 Einrichtungen 190 Kurzzeitpflegeplätze. Mit Eröffnung der Seniorenresidenz Haus Dottendorf im Frühjahr 2019 habe sich die Anzahl um weitere zehn Plätze für die Kurzzeitpflege (plus 88 Plätze für Dauerpflege) erhöht. Insgesamt gab es 2018 in 37 Bonner Einrichtungen etwa 3027 Dauerpflegeplätze.

Wütend macht Margarete Schorn auch, dass sich die Politik aufgrund der angespannten Lage auf dem Pflegemarkt darauf verlässt, dass Angehörige die Betreuung übernehmen. „Ich würde mir wünschen, dass man auch die pflegenden Familienmitglieder mehr in den Fokus rückt. Außenstehende können sich nicht vorstellen, was es bedeutet, wenn man einen alten oder kranken Menschen rund um die Uhr betreut. Denn zu der psychischen Belastung kommen eine emotionale Anspannung sowie enorme finanzielle Forderungen“, sagt sie und ärgert sich.

Nach Abschluss der Reha konnte Heino Schorn am Ende doch nicht mehr nach Hause, da kein Pflegedienst zur Verfügung stand. Nur mit äußerster Anstrengung fand Margarete Schorn in einem Haus in Schweinheim einen Kurzzeitpflegeplatz. Daraus ist mittlerweile eine Dauerpflege geworden. Bis zuletzt hatte sie gehofft, dass sie mit Unterstützung des Pflegedienstes ihren Mann weiterhin zu Hause betreuen und versorgen konnte.