Unwetter in Bonn Entlastungskanal als „Sonderlösung“

BONN · Experten fordern mehr Retentionsflächen in der Stadt und Region, um bei Unwettern Überschwemmungen zu verringern.

 Unwetter: Auf der Mainzer Straße in Mehlem steht das Wasser.

Unwetter: Auf der Mainzer Straße in Mehlem steht das Wasser.

Foto: Axel Vogel

Als es um die Neubebauung an der Domhofstraße in den 1990er Jahren ging, hob Werner Baur warnend die Hand und äußerte wasserwirtschaftliche Bedenken.

„Gebracht hat es nichts, wir wollten, dass ein Mindestabstand zum Mehlemer Bach von 15 Metern eingehalten wird“, erklärt heute der pensionierte Abteilungsleiter Kanalbau bei der Stadt, den sie wegen seiner jahrzehntelangen Erfahrung den „Hochwasser-Papst“ nannten. Damals habe vor allem das Baurecht gezählt, das Wasserrecht habe noch nicht die heutige Bedeutung gehabt.

Bebauung an Gewässern kann für die direkten Anwohner zum massiven Problem werden, wie diese Woche die Evakuierung in Mehlem zeigte. Die Bezirksregierung Köln hat ein statistisch einmal in 100 Jahren auszumachendes Hochwasser auch für den Lengsdorfer und Endenicher Bach sowie Hardtbach, Alten Bach, Dransdorfer Bach und Rheindorfer Bach errechnet. Die theoretischen Auswirkungen solcher Ereignisse für den Bürger sind auf Hochwasserrisikokarten für jedermann einsehbar.

Doch muss es soweit kommen? Kann das Hab und Gut von Bürgern nicht besser vor solchen Unwettern geschützt werden? Der städtische Tiefbauamtsleiter Peter Esch sagt: „Solche Wassermassen sind nicht vollends beherrschbar.“

Der zurzeit im Bau befindliche Entlastungskanal mit drei Metern Durchmesser für den Mehlemer Bach werde aber seinem Namen nach der für Ende 2017/Anfang 2018 geplanten Fertigstellung gerecht werden. Der Bach könne dann – wie beim Unwetter 2010 gemessen – mit 54.000 Litern pro Sekunde fertig werden, ohne über die Ufer zu treten. Am Samstagnachmittag kamen etwa 30.000 Liter pro Sekunde aus der Gemeinde Wachtberg heruntergerauscht, normal sind bis zu 150 Liter.

Durch den hohen Rheinpegel drückte das Flusswasser allerdings von der anderen Seite in den Bachkanal hinein, vermutlich der Grund für den Kanalbruch auf der Höhe Rüdigerstraße. Die rund 60 Jahre alte Röhre war vor sechs Jahren inspiziert worden und sollte mittelfristig erneuert werden, nun wird es schneller gehen müssen.

„Der Entlastungskanal am Mehlemer Bach stellt eine absolute Sonderlösung dar, die sich aus ganz verschiedenen Gründen auch längst nicht bei jedem Bach realisieren lässt“, sagt Esch. Für den Godesberger Bach sei aus zwei Überflutungsereignissen innerhalb von 45 Jahren kein akuter Handlungszwang ableitbar.

Wie Baur sieht auch Helmut Grüning, Professor für Wasserversorgung und Entwässerungstechnik an der FH Münster, die nahe Bebauung an Bäche als Problem an. „Gewässer müssen sich ausbreiten können.“ Bei häufigen Überschwemmungen könnten grundsätzlich Retentionsbecken Entlastung schaffen, bevor Bachwasser in den Kanal geleitet werde.

Bebauungen und Versiegelungen am Bach wie in Wachtberg – so schätzen es die drei Experten ein – verschärften die Situation bei Starkregen im Tal nicht. Esch: „Der einzige Boden, der bei solchen Mengen Wasser aufnehmen kann, ist Waldboden, und das auch nur in geringem Maße.“

Helmut Grüning appelliert auch an die Gemeinschaft, beim Thema Wasser kreativ zu werden und natürliche Retentionsflächen zu schaffen. In Emscher habe er zum Beispiel mit Studenten natürliche Rückhaltemulden angelegt. Das sei nicht nur für die Bürger ein Gewinn, sondern spare jährlich Abwassergebühren in Höhe von 2000 Euro.

Alle Karten gibt es hier.

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