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Fachleute bringen Mikroorganismen in den Rheinauensee

Mikroorganismen in Sedimentschichten : Impfung für den Rheinauensee

Fachleute bringen mit einem Boot Mikroorganismen in die Sedimentschichten auf dem Grund ein. Im Winter will die Stadt den See ablassen und ausbaggern. Sie investiert 4,3 Millionen in die aufwendige Sanierung.

Das Gefährt von Markus Beiten sieht schon etwas seltsam aus: ein kleines Boot (eher ein Floß) mit einem Tank im Heck, vorne zeigen eine Handvoll starrer Schläuche in den Rheinauensee. Mit eben diesen Schläuchen bringt Beiten vom gleichnamigen Gewässerdienst noch in den kommenden beiden Tagen 2500 Liter Mikroben-Cocktail und 250 Liter reine Fotosynthese-Bakterien der Firma Emiko in die Sediment-Schicht auf dem Grund des Rheinauensees ein. Wie Projektleiterin Annette Mannschott von Emiko erklärt, handele es sich um in der freien Natur vorkommende Organismen, 100 Prozent bio sozusagen.

Erfolgreich seien solche Mittel bereits über 20 Jahre hinweg in mehr als hundert Gewässern zum Einsatz gekommen, beispielsweise im Vogelpark Troisdorf. In der Fachsprache heißt dieser Vorgang „Beimpfung“. Tatsächlich spritzt Beiten das Mittel in die Ablagerungsschichten des 15 Hektar großen Sees mit seinen 150 000 Kubikmetern Wasser. Die Schlacke ist über die Jahre teilweise bis auf 35 Zentimeter Dicke angewachsen sind und ruht in 50 Zentimeter bis drei Meter Tiefe. Dort sollen die Mikroorganismen Schadstoffe abbauen, an die sonst kein Herankommen wäre.

Phosphat und Phosphor entziehen Gewässer Sauerstoff

Wie mehrfach berichtet ist der Rheinauensee, 1979 im Zuge der Bundesgartenschau angelegt, in keinem berauschenden Zustand. Ein Gutachter hat an manchen Stellen einen mehr als doppelt so hohen Phosphatgehalt im Wasser ermittelt wie üblich. Die Folge: Der See kippt um. Biologen verstehen darunter die Anreicherung von Nährstoffen wie Phosphat und Phosphor, die dem Gewässer den Sauerstoff entziehen. Wie Dieter Fuchs, Leiter des Bonner Grünamts, erklärt, seien die Gründe für diese Entwicklung vielschichtig.

Das Phosphat gerate vermutlich einerseits über den Wasserzufluss vom Post-Tower in den See. Das Bürogebäude wird mit Wasser gekühlt, mit dem bei Bedarf der See gefüllt wird. Andererseits hätten die Populationen von Vögeln und Nutrias in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen, was vor allem auf die Fütterung durch Rheinauenbesucher zurückzuführen sei. Aas, Kot und Futterreste verunreinigten das Gewässer zunehmend, gingen in der Sedementschicht auf, die wiederum Phosphor abgebe. Aus diesem Grund hat die Politik vor zwei Jahren dem Verwaltungsvorschlag eines Fütterungsverbots zugestimmt. Fuchs wird nicht müde zu betonen, dass das Füttern den Vögeln schade und nicht „im Sinne des Tierschutzes“ sei.

Sanierung des Gewässers kostet die Stadt rund 4,3 Millionen Euro

Die Impfung mit Mikroorganismen soll nun die Schadstoffe aus der Sedimentschicht lösen und zersetzen. Fuchs und Mannschott sagen, dass die Kosten von 30 000 Euro sich amortisieren werden. Geplant ist nämlich überdies eine vollumfängliche Sanierung des Gewässers, die die Stadt nach bisherigem Stand rund 4,3 Millionen Euro kosten wird. 1,29 Millionen Euro hofft sie über einen Fördertopf des Landes erstattet zu bekommen. Bis zum Winter dieses Jahres lässt die Stadt das Wasser aus dem See ab. Im Anschluss baggert eine Fachfirma den Schlamm aus, trocknet und entsorgt ihn. Diese Prozeduren verschlingen einen Großteil des Geldes. Das anschließende Auslegen des Bodens mit einer Sandschicht und dem Bepflanzen von Armleuchteralgen schlägt mit 1,3 Millionen Euro zu Buche. Beides soll unterstützen, dass der See auf lange Sicht in einem besseren Gleichgewicht bleiben kann.

Die Mikroorganismen sollen jedenfalls einen Prozess in Gang setzen, der den Umfang des Faulschlamms - etwa 2350 Kubikmeter - erheblich reduziert. Mannschott berichtet, dass es in den kommenden Tagen zu einer Verschlechterung des Zustands kommen könne, eine Eintrübung des Wassers sei denkbar, sobalb die Mikroorganismen mit ihrer Arbeit begonnen haben. Auch rechnet sie damit, dass es einige Wochen dauern wird, bis die Zersetzung richtig in Gang kommt. Ein Wissenschaftsteam der Hochschule-Rhein-Sieg begleite das Projekt mit regelmäßigen Messungen der Wasserqualität. Jan Stiller vom Amt für Umwelt und Stadtgrün erläutert, dass die Mikroorganismen besonders gut anschlagen, wenn es wärmer wird.

Fuchs betont, dass diese teuren Maßnahmen die Grundlage legen, um den See wieder in einen guten Zustand zu versetzen. Damit es dabei bleibt, will die Stadt für rund 50 000 Euro eine Filteranlage in den Zufluss einbauen, die das Wasser vom Phosphat reinigt. Unabdingbar bleibe, dass die Bürger das Fütterungsverbot beherzigen.