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„Cabaret“ im Kleinen Theater in Bonn-Bad Godesberg: Ein Glanzlicht in trüber Zeit

„Cabaret“ im Kleinen Theater in Bonn-Bad Godesberg : Ein Glanzlicht in trüber Zeit

Den 100. Geburtstag seines Gebäudes feiert das Kleine Theater mit dem Musicalklassiker „Cabaret“. Das ist ein herrliches Vergnügen, auch dank einer großartigen Sängerin.

Das Kleine Theater hat sich glamourös herausgeputzt, um seine Gäste im legendären Kit Kat Club zu empfangen. Die Mädels sind schön, und sogar das Orchester ist schön. Witzig kostümiert mit bunten Kittelschürzen und skurrilen Perücken sitzen die fünf Musiker in einem Glaskasten am Rand des Zuschauerraums und begleiten schwungvoll die Reise des jungen amerikanischen Schriftstellers Cliff Bradshaw ins amüsiersüchtige Babylon Berlin des Jahres 1929. Der musikalische Leiter Theo Palm macht mitunter auch noch gute Figur als deutscher Zollbeamter.

Intendant Frank Oppermann hat den 1966 in New York uraufgeführten Musicalklassiker „Cabaret“ aufs Programm gesetzt, um damit den 100. Geburtstag des Gebäudes am Bad Godesberger Stadtpark zu feiern, das 1922/23 als Privatvilla des Bonner Bankiers Louis David (übrigens Lehrherr des späteren Deutsche-Bank-Chefs Hermann Josef Abs) errichtet wurde, der sich 1924 wegen fehlgeschlagener Finanzgeschäfte das Leben nahm. „Money, money“, einer der berühmtesten „Cabaret“-Songs des amerikanischen Erfolgsduos John Kander (Komposition) und Fred Ebb (Songtexte), von denen auch das derzeit in der Bonner Oper zu erlebende Musical „Chicago“ stammt, bedarf angesichts der aktuellen Krisen jedoch keiner historischen Begründung.

Das Publikum ist nah dran am Geschehen

Die Inszenierung von Stefan Krause (Regie und Bühne) ist ein Glanzlicht in trüber Zeit. Das Publikum ist sehr nah dran am Geschehen, manche Szenen spielen sich direkt im Parkett ab. Ein echter Hingucker sind die Kit Kat Girls (sexy Kostüme: Katja Nysten), die singend und tanzend zwischendurch auch noch für die flotten Umbauten sorgen. Die tolle Choreografie von Sylvia Bartusek, die auch als Revue-Girl mitwirkt, trägt die ganze Show. Die gebürtige Ukrainerin Helena Kljutschkowa sorgt zudem mit akrobatischen Nummern an der Poledance-Stange für Aufsehen, Marie-Theres Jestädt gibt das exzentrische Fräulein Kost mit Vorliebe für schnell wechselnde Matrosen, Lorena Krüger als viertes Girl der heißen Truppe lässt erotisch auch nichts anbrennen.

Auf der kleinen Bühne verwandelt sich der schillernde Amüsiertempel flugs in das bescheidene Zimmer in Fräulein Schneiders Herberge oder in das Eisenbahnabteil, in dem Cliff (charmant naiv: Sebastian Schlemmer) erstmals Bekanntschaft macht mit dem zwielichtigen Ernst-Ludwig (als aufstrebender Nazianhänger: Yannick Hehlgans). In der Folge läuft er dem englischen Nachtclub-Star Sally Bowles in die Arme. Sie quartiert sich schnell bei dem armen Poeten ein.

Sängerin Sarah Kornfeld ist entzückend

Die österreichische Musicaldarstellerin Sarah Kornfeld ist sängerisch und tänzerisch ein Energiebündel, mal selbstbewusst kokett, mal entzückend sentimental. Triumphal schmettert sie ihren Hit „Mein Herr“. Sally kann jedoch ohne Theater nicht leben und wird ihre Seele für den Erfolg verkaufen. „Maybe this time“ – mit der bürgerlichen Familiengründung inklusive Baby wird das leider nichts, der teure Pelzmantel geht für den Abtreibungsarzt drauf, denn „Life is a Cabaret“.

Mit abgründiger Raffinesse verkörpert Frank Oppermann den zynischen Conférencier mit Hitlerbärtchen und Fechtschmiss an der rechten Wange (Maske: Heidemarie Furmanek) in kniefreier Lederhose und bizarrer Uniformjacke, später eingetauscht gegen einen schwarzen Frack. Mit schnarrender Stimme geistert er wie ein bösartiger Zauberer durch sein Etablissement. Bei Ernst-Ludwigs Lied-Refrain „Der morgige Tag ist mein“ wird das drohende Grauen erschreckend greifbar. Nach der Pause marschieren die Girls aus dem Bühnen-Untergrund auf als Revue-Armee der neuen Machthaber.

Eine Lovestory trifft ins Herz

Voll ins Herz trifft die zweite Lovestory. Claus Thull-Emden (auch bemerkenswert als verirrtes männliches Revue-Girl) macht als schüchterner alter Obsthändler Schultz seiner angejahrten Zimmervermieterin (großartig: Heike Schmidt als resolutes Fräulein Schneider) so liebenswürdig den Hof, dass die einfach dem späten Eheglück zustimmen muss. Dem berührenden Duett „Heirat“ folgt die brutale Ernüchterung. Nach der turbulenten Verlobungsfeier krachen Steine in die Fensterscheiben des „Judenladens“. Nach einer Prügelei mit Nazischlägern flieht Cliff allein zurück in die USA.

In der intimen Atmosphäre des Kleinen Theaters erlebt man den rasanten Tanz über dem Abgrund so hautnah, dass man nach knapp drei unterhaltsamen Stunden inklusive Pause nur empfehlen kann: „Come to the Cabaret!“ Stürmischer Applaus bei der ausverkauften Premiere am Freitagabend.