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Open-Air-Ausstellung in Siegburg: Verein fordert Freiraum für Kreativität

Open-Air-Ausstellung in Siegburg : Verein fordert Freiraum für Kreativität

Mit einer Open-Air-Ausstellung macht das Selbstverwaltete Jugendzentrum Siegburg auf seine Situation aufmerksam

„Unter Freiraum verstehen wir nicht nur einen physischen Ort, sondern auch den für Ideen, Bewegungen und Kunst“, sagt Dana Hoffmann, Sprecherin des selbstverwalteten Jugendzentrums (SJZ), am Samstagmorgen bei der Eröffnung einer vom SJZ initiierten Ausstellung in der Neuen Poststraße vor dem Amtsgericht. Mit dem Gang an die Öffentlichkeit wollte das SJZ nach den Worten Hoffmanns auch zeigen, „dass wir noch existieren“ und es „auch im Untergrund noch Kunst und Aktivitäten gibt“.

Open-Air-Ausstellung in Siegburg: Verein fordert Freiraum für Kreativität
Foto: Paul Kieras

Zehn Künstler präsentierten dort für einen Tag ihre Arbeiten unter dem gemeinsamen Motto „Freiräume eröffnen“. Thematisiert wurde auch, welche Freiräume ihnen das SJZ bietet. Hoffmann selbst beteiligte sich mit einigen Collagen, die Graffitis von jungen Menschen zeigen, „die einer Generation vor uns angehörten“, sowie von Jugendlichen heute. „Beide haben sich Freiräume geschaffen, in denen sie ihre Emotionen und rebellische Kritik nach außen in die Öffentlichkeit tragen und ihren Gefühlen Luft machen“, so die Sprecherin.

Es gehe um politische Aussagen wie beispielsweise „Gitarren statt Knarren“ oder „Keine neuen Atomraketen, bis die alten nicht verbraucht sind“ oder auch um Zukunftsängste wie bei „Wir haben nichts zu verlieren außer unserer Angst“. Auffällig ist, dass alle Statements zeit- und generationsübergreifend sind.

Mit seiner digitalen Ölgemälde-Reihe „Punk-Icons“ möchte Chris Crusher die Frontfrauen und Trans-Personen der Punkbewegung ins Rampenlicht stellen. Es seien Menschen, „die sich mutig und selbstbewusst einen Freiraum in der männlich geprägten Rockwelt erkämpft haben“, sagt Crusher. Sie dienten seiner Meinung nach so als Vorbilder für Generationen junger Frauen und Trans-Personen, und zwar in Sachen Bühnenpräsenz, Nonkonformismus und sexueller Selbstbestimmung.

Jane Spunk zeigt in ihrer Kunst „nicht das Brave, Intakte, sondern das Gelebte. Das Außergewöhnliche im Alltäglichen. Die Spuren und Feinheiten des Lebendigen. Die Zärtlichkeit im Rauen, Dumpfen, vermeintlich Hässlichen.“

Nicht nur in der Coronazeit hat der Verein Probleme, in der Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden und zu überleben. Die rund 70 Mitglieder, davon etwa zehn bis 15 aktive, können sich derzeit ausschließlich online austauschen. Zum einen, weil Treffen in geschlossenen Räumen teilweise während der Lockdowns nicht möglich waren, zum anderen, weil dem SJZ seit 2015 schlichtweg Räumlichkeiten fehlen. Mit dem Bau des Altenheims in der Heinrichstraße musste das SJZ im Jahr 2012 in das Gebäude der ehemaligen Hauptschule Haufeld umziehen, die Räume dort wieder verlassen, als das ausgemusterte Schulgebäude 2015 als Flüchtlingsunterkunft gebraucht wurde. Der Verein wurde aber keinesfalls rausgeworfen, sondern machte freiwillig seinen Treff dicht. Seitdem wartet er vergeblich auf ein neues Zuhause.

Die Stadt sicherte zu, nach Ersatz zu suchen. Gefunden hat sie bis jetzt keinen. Zwar konnten die Jugendlichen danach zum „Thekenabend“ Räume in der Kunst- und Ausstellungshalle des Jungen Forums Kunst an der Luisenstraße nutzen, die wurde dann aber für eine Neubausiedlung abgerissen. Bis 2018 fand das SJZ noch eine Bleibe in den Räumen des Troisdorfer Jugendkulturcafés. Mit mehreren Demonstrationen sowie Infoständen in der Innenstadt brachte sich das SJZ immer wieder in Erinnerung. Es sammelte zudem Unterschriften. Im Dezember 2017 stellten einige SJZ-Vorstandsmitglieder im Jugendhilfeausschuss ihre Arbeit vor und unterstrichen noch einmal ihre Forderung. Der damalige Bürgermeister Franz Huhn stellte damals klar, dass es „keine städtischen Räume gibt, die passen“. Auch ein Aufruf über den städtischen Newsletter habe nicht helfen können.

Leer stehende Gebäude, die das SJZ vorschlug, schloss die Stadt aus verschiedenen Gründen aus. Als die Stadt im Sommer 2018 entschied, in den inzwischen ungenutzten Räumen vorübergehend eine Vorlaufgruppe für eine geplante Kita unterzubringen, klagte das SJZ auf Rückkehr in „seine“ Räume. In Reaktion darauf kündigte Huhn den unentgeltlichen Nutzungsvertrag mit dem SJZ. Seitdem hat sich nicht mehr viel getan.

„Wir stehen zwar im Kontakt mit einigen Parteien und Politikern, aber konkret gibt es keine Aussicht, wieder geeignete Räume zu bekommen“, so SJZ-Vorstandsmitglied Tamara Ilic. Ihr Verein sehe natürlich ein, dass es schwierig sei, Räume in einem Wohngebiet zu beziehen, denn das führe immer wieder zu Ärger mit der Nachbarschaft wegen Lärmbelästigung. „Vor allem bei Musikveranstaltungen“, sagt Dana Hoffmann und fügt hinzu: „Aber auf die sind wir natürlich angewiesen, um Geld für unsere Arbeit zu generieren.“

Jetzt wolle man einen Neuanfang wagen, ins Gespräch kommen und die Lage „checken“, erklärt Ilic und betont: „Wir wollen auf jeden Fall unsere Unabhängigkeit bewahren, können uns aber eine Zusammenarbeit mit dem Sozial- und Jugendamt vorstellen.“ Außerdem schlägt sie versöhnliche Töne an: „Wir machen der Stadt keinen Vorwurf mehr, sondern schauen, was in Zukunft machbar ist.“