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Coronavirus im Vorgebirge: Fehlende Erntehelfer gefährden Ernte

Erntehelfer sind rar wegen Corona : Fehlende Saisonarbeiter gefährden Ernten im Vorgebirge

Wegen des Coronavirus fehlen in den landwirtschaftlichen Betrieben im Vorgebirge und in der Voreifel die Saisonarbeiter aus Osteuropa. Der Provinzialverband rheinischer Obst- und Gemüsebauern sucht über Facebook Freiwillige.

Das Containerdorf auf dem Fruchthof Hensen in Swisttal wird in den nächsten Monaten vielleicht leer bleiben. Das ist zumindest die große Sorge, die Irmgard Hensen, die mit ihrem Mann Ralf den Betrieb in zweiter Generation betreibt, seit Tagen beschäftigt. Denn mit der Ausbreitung des Coronavirus ist auch die Anreise der dringend gebrauchten Erntehelfer gefährdet. Rund 300.000 Saisonarbeiter aus Osteuropa sind jedes Jahr im gesamten Bundesgebiet in der Landwirtschaft beschäftigt – beim Spargelstechen, beim Pflücken von Erdbeeren, Äpfeln oder Kirschen sowie beim Pflanzen, Aussäen und Ernten von Gemüse jeglicher Art. Durch Corona sind in allen Regionen – auch im Rheinland - die Ernten gefährdet, weil die Erntehelfer, viele aus Osteuropa, nicht mehr ein- oder ausreisen können und dürfen.

Geschlossene Landesgrenzen haben in den vergangenen Tagen die Unsicherheit unter den Landwirten noch einmal verstärkt. So auch im Familienunternehmen Hensen. 20 Erntehelfer sind seit Februar dort im Einsatz, 400 Saisonarbeiter benötigt der Hof in der Hochzeit zwischen Mai und August, wenn die verfrühten Sorten und die Normalkulturen im Freiland, die mit Stroh abgedeckten und damit verspäteten Sorten sowie die Terminkulturen geerntet werden. Die meisten Helfer bei Hensens kommen aus Rumänien, viele von ihnen zählen zum Stammpersonal. Und viele bewährte Kräfte werden in dieser Saison fehlen. Das Problem: Mit der Schließung der ungarischen Grenze ist den Rumänen der Weg nach Deutschland versperrt. Auch ein Transitverkehr ist zurzeit nicht möglich.

„Die letzten Saisonarbeiter, die hier ankamen, sind ein Ehepaar. Die haben vor drei Tagen die Grenze passiert. Danach war Schluss“, erzählt Irmgard Hensen. Besonders ärgerlich empfindet es die Swisttalerin, dass 30 weitere Helfer trotz ärztlicher Bescheinigungen, dass sie symptomfrei seien, Ungarn nicht passieren durften. Noch hofft die 53-Jährige auf eine Einigung zwischen der deutschen und ungarischen Regierung. „Wenn das nicht klappt, können wir dichtmachen.“

Pessimistisch blickt auch Heinz Gieraths auf die kommenden Wochen. Der 65-jährige Landwirt hat auf zwölf Hektar Freiland-Erdbeeren angepflanzt – mit dem Pflücken der Frühsorte „Rumba“, den ersten Folienfrüchten, startet der Meckenheimer Mitte Mai. Da er seinen Betrieb seit Jahren zurückgefahren hat, weil er in zwei Jahren in Rente gehen wird, brauchte er im Winter keine Mitarbeiter. Bei den Vorarbeiten wie Folie und Vlies aufdecken haben ihm Kollegen geholfen, bei der anstehenden Ernte „sieht er schwarz“. Denn zum Einfahren der Ernte benötigt Gieraths um die 80 Saisonarbeiter. Wie er sie ersetzen soll, weiß er nicht. „Einige Pflücker werde ich aus dem Bekanntenkreis rekrutieren können. Die werden aber bei meinen Feldern bei Weitem nicht ausreichen.“ Für Gieraths erschwert aber nicht nur Corona die Situation der Landwirte. „Wir haben seit Jahren unter anderem eine hohe Steuerlast, Nebenkosten, Stundenlohn und jede Menge Bürokratie – alles Rahmenbedingungen, die nicht zu erfüllen sind.“

Dem kann Karlheinz Mandt nur zustimmen. Auf rund zwölf Hektar baut der Alfterer Gemüse, Salate, Kohl und Co., auf knapp zwei Hek­tar Spargel an. Alle Produkte werden im eigenen Hofladen verkauft. Trotz der Virus-Pandemie ist die Anzahl der Kunden gleich geblieben. „Aus Vorsicht lassen wir seit gestern maximal drei Personen in den Laden“, erklärt der 56-Jährige. Corona macht ihm auch bei der Ernte einen „Strich durch die Rechnung“. Bisher gingen dem Alfterer immer sechs Saisonarbeiter aus Polen und Rumänien in der Erntezeit zur Hand – mit solch einer Hilfe rechnet Mandt nicht mehr. „Kunden haben uns schon angeboten, bei der Ernte mit anzupacken. Das finde ich sehr hilfsbereit. Allerdings ist die Arbeit körperlich schwer.“ Auch wenn er sich als Berufspessimisten bezeichnet, hofft er doch auf eine gute Ernte.

Noch entspannt wirkt Christiane Mager, Juniorchefin des Impekovener Naturhofes Wolfsberg. Ab Ende Mai braucht der Familienbetrieb um Andreas und Heike Mager zwischen 15 und 20 Erntehelfer für die Pflegearbeiten der Apfelbäume und für die Kirschernte. Bisher kamen die Hilfskräfte aus Polen. „Wenn die nicht kommen können, werden wir uns auf das nähere Umfeld stützen. Wir haben schon Anfragen von Freunden, Bekannten und Schülern, die helfen wollen.“ Auch Menschen, die wegen des grassierenden Coronavirus eine berufliche Zwangspause einlegen müssen, können als Erntehelfer einspringen. Als Busfahrer, schreibt ein Mann in einer Bornheimer Facebookgruppe, sei er nun bis Ende April zu Hause. Mithin könne er einem Bauern aus der Umgebung daher als Helfer zur Verfügung stehen. Den Kommentaren lässt sich entnehmen, dass weitere Menschen Interesse an der Arbeit als Erntehelfer haben – zum Teil wirken sie sehr jung.

Wegen fehlender Saisonarbeiter in den kommenden Wochen sucht der Provinzialverband rheinischer Obst- und Gemüsebauern über Facebook Freiwillige für eine Tätigkeit in der Landwirtschaft. Wie der stellvertretende Geschäftsführer des Provinzialverbandes, Peter Muß, deutlich macht, haben sich bereits nach einem Tag mehr als 100 Interessierte gemeldet. Der Verband wird sie an möglichst wohnortnahe Betriebe im Rheinland vermitteln. „Wir hoffen so, die Ernte zu retten“, sagte Muß. Freiwillige können sich per Mail an erntehelfer@provinzialverband.de melden.

Viele Anfragen von Landwirten nach Saisonkräften verzeichnet allerdings die Agentur für Arbeit Bonn/Rhein-Sieg aktuell nicht, sagt Pressesprecher Lars Normann. Derzeit liege seiner Behörde gerade mal eine Anfrage eines Landwirtes aus der Region vor. „Wir wollen in der derzeitigen Situation nicht ausschließen, dass sich das ganz schnell ändert“, sagte Normann. Sollte ein Arbeitssuchender derzeit der Aufforderung der Arbeitsagentur nicht nachkommen, auf dem Feld Spargel zu stechen, drohten ihm laut Normann derzeit keine Sanktionen. Die seien wegen der Corona-Krise ausgesetzt.