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Autor Pierre Jarawan im Livestream: Es gab viele Likes und Herzchen für die Lesung

Autor Pierre Jarawan im Livestream : Es gab viele Likes und Herzchen für die Lesung

Der Schriftsteller Pierre Jarawan war am Freitag zu Besuch im Konrad-Adenauer-Gymnasium. Außer den 15 Schülern in der Aula konnten Interessierte seine Lesung aus dem neuen Roman corona-bedingt jedoch nur per Livestream verfolgen.

Ein wenig Lampenfieber spürten die 15 Elftklässler des Konrad-Adenauer-Gymnasiums schon, als es am Freitagabend plötzlich ernst wurde mit ihrem Projektabend der Reihe „KlasseBuch“ des Literaturhauses Bonn. Der auch als Poetry-Slammer bekannte deutsch-libanesische Schriftsteller Pierre Jarawan sollte in der KAG-Aula seinen neusten Roman „Ein Lied für die Vermissten“ vorstellen. Aufbauend auf der Lektüre im Unterricht, hatten die Schüler nun vor, seine im Livestream öffentlich übertragene Lesung mit kreativen Programmpunkten auszustatten.

„Ein bisschen Bange habe ich schon, zum ersten Mal zu moderieren“, sagte Kaya Demir. Jetzt hatte er den Schriftsteller gerade vom Parkplatz abgeholt und ihm die Aula gezeigt. „Wer weiß, wie das ist, wenn man wirklich auf der Bühne steht?“, fragte sich auch Marie Heiliger, die im Projekt sogar ein Bild für den Autoren gemalt hatte.

Er sei bei dieser zweiten Beteiligung des KAGs am Literaturhaus-Projekt beeindruckt von der Eigendynamik bei einigen Schülern, erzählte der Projektleiter Jens Juhre, bevor der Abend richtig losging. Wie berichtet, war die Reihe im Juni 2019 mit dem Schriftsteller Matthias Nawrat im KAG gestartet. Jetzt sollte Juhres Grundkurs Literatur das Format stemmen. Besonders Kaya und Marie hätten aus dem Roman erstaunlich Kreatives entwickelt, lobte der Lehrer. Natürlich sei es schwierig gewesen, diesen Abend unter Corona-Bedingungen zu wagen. Doch der Umgang mit geradezu druckfrischer junger Literatur sei für Schüler sehr reizvoll. In den vergangenen Wochen war Sabine Schiffner vom Literaturhaus dreimal zum KAG-Kurs dazugestoßen.

Inzwischen saß der Münchener Buchautor auch schon im Scheinwerferlicht auf der himmelblauen Couch und wurde von Almut Voß, der Leiterin des Literaturhauses, begrüßt. „So schade es ist, dass externes Publikum nur am Bildschirm teilnimmt, so großartig finde ich, dass der Austausch zwischen dem Autor und den Schülern tatsächlich live passiert“, sagte Voß. So werde Literatur mehr als Schulstoff. „Ihr selbst könnt euch dieses Buch erobern“, forderte sie die Schüler auf. Ibrahim Fakhir und Vivien Gel schnappten sich die Mikrofone und führten gut gelaunt durch den Abend. Tala Aljindi stellte den Gastautoren pointiert vor – und bat ihn dann, in Zeiten von Fake News die biografischen Fehler aus ihren Angaben herauszufischen. Was sie Pierre Jarawan nicht zweimal sagen brauchte: Na, er sei erst 15 gewesen, als er angefangen habe zu schreiben. „Und für meine Recherchen bin ich echt nie Bungee gesprungen.“ In der Livestream-Übertragung hagelte es sofort Likes und Herzen. Im Chat wurden Tipps durchgegeben: „Nicht so überbelichten“, rieten Mitschüler. Und „Wallah, redet ins Mikrofon.“

Als Jarawan eindrückliche Passagen aus seinem Buch über die 17.000 Vermissten aus 15 Jahren Bürgerkrieg im Libanon las, stoppte das Chatten. „Unsere Beziehung zum Roman hat sich während der Arbeit geändert“, erläuterte Schülerin Marie Heiliger nach der Veranstaltung. Anfangs sei man im Kurs skeptisch gewesen, wie man die ganze Arbeit bis zur Lesung schaffen sollte. Dann habe sich der Kurs Kapitel für Kapitel Zugang verschafft. „Der Roman gefällt mir persönlich gut, da er viele verschiedene Geschichten aufgreift und hilft, das Leben und die Situation im Libanon besser zu verstehen“, ergänzte Kaya Demir.

Seine Stunde schlug mit dem von ihm erdachten „Flohmarktspiel“. Auf der Bühne hatten Johanna Fleischer und er einen Schwung ausrangierter Gegenstände aufgebaut. „Davon soll ich euch jetzt drei meistbietend andrehen?“, fragte der Gastautor lachend. Spontan suchte er sich eine wackelige Lampe, eine kaputte Holzfigur und eine alte Schreibmaschine aus und bot sie zum Sonderpreis von 300 Euro an. Die Schüler grinsten. Bis Jarawan ihnen aus dem Stand eine Geschichte um einen zu Unrecht vergessenen Bonner Poeten und Friedrich-Nietzsche-Zeitgenossen erzählte, der eben diese Gegenstände hinterlassen habe. Erneut sprudelten im Chat die Herzchen und Likes. Woraufhin der Autor sich noch jeder Menge Fragen aus dem Kurs stellte.Besonders der Schreibprozess interessierte die Schüler. Und Jarawan erntete ehrfürchtiges Staunen, als er von vier Jahren Arbeit am Roman erzählte, bis er seinen nicht chronologischen Erzählstil perfektioniert hatte. „Ich habe allein 350 Seiten Manuskript gelöscht.“ Was könne Literatur in der heutigen Welt leisten, wollte der KAG-Kurs schließlich wissen. Es passiere so viel Leid weltweit, nickte der Autor, nicht nur im Libanon mit seinen unzähligen Opfern. „Wir können in der Literatur, in der Kunst dem Schweigen darüber etwas entgegensetzen“, sagte Jarawan. Und man könne, siehe „Fridays for Future“, dann auch versuchen, aktiv Veränderungen herbeizuführen.