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Flugpionier à la Otto Lilienthal: Friseur Kruschke schwebt über den Rodderberg

Flugpionier à la Otto Lilienthal : Friseur Kruschke schwebt über den Rodderberg

Einmal fliegen. Über dem Rodderberg abheben, den Rhein und das Siebengebirge unter sich sehen und über die Wiesen gleiten. Diesen Kindheitstraum will sich Rudolf Kruschke an diesem frühen Sonntagmorgen des 17. September 1961 erfüllen.

Mit seinem treuen Freund Horst hat der 26-Jährige das nach jahrelanger Tüftelarbeit selbst hergestellte Fluggerät mit dem Wagen an den Rodderberg geschafft. Mit vereinten Kräften schleppen die Freunde nun die schweren Teile aus Bambusstäben, Speerholz und Leinenstoff die Wiesen hoch, schrauben alles zusammen.

Ein sonniger Morgen, ideales Flugwetter, denkt sich Kruschke. Schon mehrfach hat es in diesem Sommer Flugmisserfolge auf dem damals noch unbebauten Heiderhof gegeben. „Der Vogel will einfach nicht auffliegen“, hat Kruschke ins Notizbuch geschrieben.

Er hat ihn für diesen 17. September somit vereinfacht und von überschüssigem Gewicht befreit. Die Flügel werden an die Arme geschnallt. „Der große Spaß beginnt“, schreibt Kruschke später in Erinnerung an diesen goldenen Sonntag auf.

Mit dem Freund hat er alles noch einmal durchgesprochen. Einen Sicherheitshelm hat der Vogelbastler sich nicht auf den Kopf gesetzt. Kruschke nimmt Anlauf. Er rennt mit seinem Fluggerät auf dem Rücken gegen den Wind bergab. Eine frische Brise weht.

„Und tatsächlich. Ich schwebe mit dem Ding bei angezogenen Beinen circa einen halben Meter über dem Boden dahin. Na, geht doch!“, heißt der nächste triumphierende Eintrag im Notizbuch. Der Mann im weißen Hemd über den Flanellhosen hebt mit seinem Vogel wirklich eine ganze Weile erfolgreich ab. Freund Horst bannt den geglückten Versuch vor der Kulisse des Siebengebirges aufs leicht verwackelte Bild.

„War das ein wunderbares Gefühl“, schwärmt der 81-jährige Kruschke noch heute. Zumal er dann auch noch eine „Landung ohne Genickbruch“ hinlegen konnte. Er wollte nicht wie sein Vorbild Otto Lilienthal enden. Friseur Kruschke hatte es über dem Bad Godesberger Rheintal geschafft, ein später Nachfolger der Fliegerlegende zu werden.

Rudolf Kruschke ist einer der Friseurbrüder, die ab den 50er Jahren als Weltkriegs-Vertriebene eine neue Heimat in Godesberg fanden (der GA berichtete). In dem Artikel erschien auch ein Foto, das ihn, den jüngeren der Brüder, bei seinem Hobby, dem Versuch des freien Menschenflugs, zeigte.

„Das hat eine Lawine an neugierigen Anfragen ausgelöst“, sagt er heute und erzählt nun seine Geschichte mit „dem seltsamen Vogel“. Ein Abenteuer aus Zeiten, als an Drachenflug und Paragliding nur im Traum zu denken war. Nämlich in seinem,

Rudolf Kruschkes Traum, der ihn trieb, wenn er abends die Frisierschere aus der Hand gelegt hatte. Dann nämlich bastelte sich der Hobbywerker auf dem Gelände des Ackermannschen Anwesens an der Villichgasse 58 à la Otto Lilienthal einen Apparat aus einfachen Werkstoffen zusammen.

Erst schien ihm das hoch gelegene Gelände auf den damals noch freien Heiderhofer Wiesen ideal. Dann besann er sich, dass schon in den 20er Jahren Luftseglerpioniere mit ihren fliegenden Kisten den luftigen Rodderberg aufgesucht hatten. Und nach letztlich jahrelanger Tüftelei, nach Rückschlägen und neuen Versuchen, war sein Traumgerät einsatzbereit.

„Höher abheben, das ging leider nicht“, schrieb Rudolf Kruschke später über seinen ersten Flugversuch am Rodderberg ins Notizbuch. Seine Konstruktion sei einfach zu schwer und die Flügelfläche zu klein gewesen.

Er habe natürlich noch weiter mit seinem Vogel experimentiert. Rudolf Kruschke zeigt Fotos, die ihn, dieses Mal mit Sturzhelm, bei Versuchen zeigen, seinen Flieger mit einem an einem Auto befestigten Seil in besseren Schwung zu bekommen. Was wohl nicht von nennenswertem Erfolg gekrönt wurde.

Es bleibt dem „Vogelbastler“ der Triumph des 17. September 1961. Seine Versuche seien auch für die frühen Spaziergänger zum Rolandsbogen eine spannende Attraktion gewesen, blickt Kruschke zurück. „Zumal es damals ja noch keine Drachenflieger gab, die heute selbstverständlich sind.“

Er, der junge Friseur und Konstrukteur aus Bad Godesberg, habe damals auf jeden Fall sein einprägsames erstes Flugerlebnis gehabt. „Und ich habe eine ernüchternde Erkenntnis gewonnen“, fügt der 81-Jährige selbstkritisch hinzu, „nämlich dass zum Höhenfliegen dann doch ein bisschen mehr Wissen erforderlich ist.“