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Neustart für junge Geflüchtete: Lebenstraining für unbegleitete junge Flüchtlinge

Neustart für junge Geflüchtete : Lebenstraining für unbegleitete junge Flüchtlinge

Unbegleitete junge Flüchtlinge haben Heimweh. Sie vermissen ihre Familie und haben große Sorgen um die Angehörigen in den Krisengebieten.Das Projekt ReStart der Jugendhilfeeinrichtung Maria im Walde gibt Unterstützung, eine eigene Lebensperspektive zu entwickeln.

Wo finden junge, unbegleitete Flüchtlinge Aufnahme? Mit der Flüchtlingswelle 2015 hat der freie Träger der Jugendhilfe Maria im Walde das Projekt ReStart ins Leben gerufen. Zehn unbegleitete junge Ausländer haben am Gudenauer Weg eine Bleibe, bis sie ins Leben entlassen werden. Mit vielen Netzwerkpartnern und Unterstützung seitens des Bonner Jugendamts könne man die Jugendlichen ein stückweit auf dem Weg in ein gutes Leben begleiten, sagt Einrichtungsleiterin Andrea Wilke.

Dass die Biographie junger Geflüchteter oftmals von Verlust, Ängsten und Gewalt gekennzeichnet ist und sie einer intensiven Betreuung bedürfen, weiß Gregor Specht. Der ReStart-Projektleiter ist seit 22 Jahren als Erzieher in der Familien- und Jugendhilfe von Maria im Walde tätig. „Das Gute, was wir nicht erst im ReStart-Projekt erfahren haben ist, dass die geflüchteten Menschen bei uns nicht nur Obdach und Heimat finden, sondern dass wir auch etwas voneinander lernen können“, so Specht. Die Gruppe bestehe aus Jugendlichen aus Afghanistan und Syrien, aus afrikanischen Ländern, aber auch aus Mazedonien oder Mexiko. „Da lernt jeder den anderen in seiner Kultur zu verstehen und zu achten“, sagt der Erzieher, der zusammen mit sechs weiteren Kolleginnen und Kollegen die Wohngruppe rund um die Uhr betreut.

Projekt bringt jungen Bewohnern Deutschland und seine Gesellschaft näher

Neben dem Erlernen der deutschen Sprache ist es ein Anliegen von ReStart, den Bewohnern Deutschland und seine Gesellschaft näher zu bringen: Schulbesuch, Behördengänge, sportliche Aktivitäten und Praktika stehen dabei genauso auf dem Programm wie hauswirtschaftliche Tätigkeiten oder auch das Arbeiten im Garten. Die Kartoffeln im Hochbeet hinter dem Haus der Wohngruppe beispielsweise hat der Iraker Kheri Haj (20) gepflanzt. Dass sich dieses Engagement lohnt, so Wilke, zeige sich auch daran, dass viele der ehemaligen Bewohner immer noch zu Besuch kommen und den Kontakt zu ihren Betreuern pflegen. „Es ist schön für uns zu hören“, ergänzt Specht, wenn Bewohner ihre Wohngruppe als ihr Zuhause bezeichnen.

Der ehemalige Kindergarten, der nur wenige Hundert Meter von dem Maria im Walde Haupthaus entfernt am Gudenauer Weg liegt, bietet nahezu optimale Bedingungen für die zurzeit zehn Bewohner: Es gibt neben Gemeinschaftsräumen für jeden der 15 bis 20 Jahre alten Jugendlichen ein eigenes Zimmer mit Bad und Toilette. Sie verpflegen sich in der Wohngruppe selber - das gehört vom Einkauf bis zur Zubereitung bereits zum Konzept von ReStart. „Oft erkennt man schon an den Aromen, wer gerade am Herd ein Gericht seiner Heimat zubereitet“, sagt Teamleiterin Conny Reiners, die das auch persönlich als Bereicherung empfindet.

Existenzkampf der Eltern und Geschwister sind oftmals sehr belastend für die Bewohner

Akzeptanz und das Lernen sind Kern des Programms. Man feiert zusammen Weihnachten, Ostern und auch das Zuckerfest. Selbstverständlich erfordert das gemeinschaftliche Leben in einer Wohngruppe eindeutige Regeln und Absprachen. Diese Regeln werden eingehend erklärt und auch immer wieder aufgezeigt. Das Team der Erzieherinnen und Erzieher, die ebenfalls aus verschiedenen Ländern kommen und somit teilweise die Sprache der Bewohner sprechen, begleitet und trainiert die jungen Männer.

Eine „bestmögliche Unterstützung“ Minderjähriger bei ihrer Ankunft in Deutschland und auf ihrem weiteren Weg, formuliert die Bundesarbeitsgemeinschaft der Landesjugendämter als Aufgabe der Kinder- und Jugendhilfe. In ihren Handlungsempfehlungen heißt es, dass unbegleitete Minderjährige zu den schutzbedürftigsten Menschen überhaupt gehörten. „Sie haben ihre Heimat, ihre Familie in Krisengebieten zurückgelassen, in der Hoffnung auf ein besseres, sicheres Leben in Europa.“ Das Zurücklassen der Familie in der Heimat, die Sorge um das Leben von Familienangehörigen in Kriegsgebieten oder das Wissen um den realen Existenzkampf der Eltern und Geschwister sind oftmals sehr belastend für die Bewohner und haben großen Einfluss auf die Bewältigung ihres Alltags.

Unsicherheit, Angst und gefühlte Isolation kennzeichnen die emotionale Befindlichkeit der Betroffenen. Maria im Walde unterstützt die Jugendlichen auf der Suche nach ihrer eigenen Identität und bietet dazu einen Orientierungsrahmen, der den jungen Menschen die Möglichkeit bietet, eine realistische Lebensperspektive zu entwickeln. Von der ersten Hilfemaßnahme unter der Zielsetzung „Ankommen, Durchatmen, Kraft tanken“ bis hin zu einer beruflichen Orientierung, unterstützt von den Netzwerkpartnern, soll ReStart innerhalb des zweijährigen Programms fit für die Integration und das Leben machen.