1. Bonn
  2. Stadt Bonn

Lichteraktion in der Altstadt: So fühlen sich Bonner vor der Corona-Weihnacht

Lichteraktion in der Altstadt : So fühlen sich Bonner vor der Corona-Weihnacht

Bewohner der Pipinstraße in der Bonner Altstadt haben sich etwas Besonderes einfallen lassen. Jeder hat seine Fenster bunt geschmückt. Die Reaktionen auf das Vorhaben sei großartig, wie die Anwohnerin Linda Orth berichtet.

Die kaum 150 Meter lange Pipinstraße verbindet in der Bonner Altstadt mit ihren Siedlungs- und Mehrfamilienhäusern die Georgstraße mit Im Krausfeld. Ursprünglich wurden die Häuser dort für die Mitarbeiter der damals noch Nervenheilanstalt genannten, heutigen LVR-Klinik gebaut.

Viele der heutigen Bewohner leben schon weit mehr als 20 Jahre dort. „In der Zeit haben wir auch schon wunderschöne Straßenfeste miteinander gefeiert“, sagt eine Anwohnerin, die am Dienstagabend kurz vor 18 Uhr von der Straßenseite aus einen prüfenden Blick auf ihre hell erleuchteten und von innen bunt beklebten Fenster wirft. Nur allzu gerne ist sie der Idee nachgekommen, sich am vorweihnachtlichen Lichterzauber in ihrer Straße zu beteiligen. Punkt 18 Uhr erstrahlen auch die bunten Fenster ihrer Nachbarn. Trotz des einsetzenden Regens scheuen einige von ihnen nicht den Weg auf die Straße.

„Ich war so traurig und deprimiert“, sagt eine Anwohnerin und freut sich darüber, dass sie der Vorschlag ihrer Nachbarinnen Linda Orth und Sieglinde Osang genau zur richtigen Zeit traf: Inspiriert durch das „Netzwerk Nachbarschaft“, das Orths Schwester Erdtrud Mühlens schon vor sechzehn Jahren in Hamburg ins Leben rief, aktivierten Orth und Osang ihre Nachbarschaft, sich zu einem abendlichen Lichterzauber mit bunt gestalteten Fenstern zu treffen. Gemeinsam solle man damit „in der dunklen Jahreszeit ein leuchtendes Zeichen für Vielfalt, Toleranz und gute Nachbarschaft“ schaffen, versprach ein Flugblatt, das die beiden Anwohnerinnen an die Häuser ihrer Nachbarn verteilten.

„Schon die Reaktion auf unser Vorhaben war großartig“, sagt Orth. „Der Lichterzug zu Sankt Martin ist ausgefallen und nun können wir mit den Kindern endlich wieder etwas feiern“, zitiert Orth eine Familie. Ein weiterer Nachbar habe vor Rührung Tränen in den Augen gehabt. „Für mich bedeutet die Aktion viel Wärme und das Zeigen von Solidarität für- und untereinander“, so Orth. So eine Aktion könne auf ganz einfache Weise der Seele guttun.

„Man kann sich davon berühren lassen, ohne sich zu berühren“, fasst Osang die Intention des abendlichen Lichterzaubers in weitestgehend berührungslosen Corona-Zeiten zusammen. Eine Anwohnerin drückt es mit ihrem hell aus dem ersten Stock leuchtenden Schriftzug „Love wins“ (engl. für „Liebe gewinnt“) aus. „In Zeiten wie diesen, geht gar nichts ohne Liebe“, sagt sie. Im ersten Lockdown sei so viel Gutes aus den Menschen herausgekommen. Man habe geklatscht und geholfen. Jetzt seien die Menschen dagegen eher garstig und intolerant geworden. Für all diejenigen solle ihre Weihnachtsbotschaft sein, dass die Liebe gewinnt. Schließlich gebe es auch viel Gutes zu beobachten.

„Im Lockdown kommt man mal aus dem Hamsterrad raus“, sagt sie. Es sei schön, sich in der Weihnachtszeit einmal auf sich selbst zu besinnen und nicht auf die Autobahn zu müssen und allen anderen gerecht zu werden. Ihre Gesprächspartnerin widerspricht. Es sei schon alles sehr traurig. Von ihrem Nachbarn Helmut Osang erfahren die beiden Frauen, dass er und seine Frau schon über 30 Jahre in der Pipinstraße wohnen. „Da war das hier ja noch ein Acker“, lacht sein junges Gegenüber.

Herr Osang schüttelt den Kopf und erzählt die Geschichte, wie das Paar zu dem Haus in der Pipinstraße gekommen ist. Man spricht miteinander, hört sich zu und lernt sich kennen. Der Lichterzauber führt sie erstmals zusammen. „Licht hat immer etwas Symbolisches“, sagt Brigitte Denkel. Die Anwohnerin hat einst als Stadtplanerin dazu beigetragen, dass die Kirschbäume in der Altstadt gepflanzt wurden, deren Blüte inzwischen in der ganzen Welt bekannt ist. „Ich kann mir gut vorstellen“, sagt sie, „dass man mit dem Lichterzauber überall ein Zeichen für eine gute Nachbarschaft setzen könnte. „Für mich ist das hier ein richtiger Mutmacher“, sagt sie zuversichtlich.

 „Gerade in der Corona-Zeit hat sich gezeigt, wie wichtig ein Zusammenhalt in der Nachbarschaft ist“, weiß Mühlens. Auch in der Krise sei man nicht zum Nichtstun verdammt. „Dinge, die uns früher vielleicht trennten, können jetzt einfacher überwunden werden“, sagt die Gründerin des Nachbarschaftsnetzwerks. Das Gute sei, dass man nun erlebe, dass man bereits sehr viel habe. „Man lernt das Vorhandene wertzuschätzen.“

Linda Orth freut sich über den jetzt schon geäußerten Wunsch, den Lichterzauber im nächsten Jahr auf jeden Fall wiederholen zu wollen. „Vielleicht gibt es dann auch wieder Punsch und Glühwein“, sagt eine Nachbarin und flüchtet vor dem stärker werdenden Regen wieder ins Haus.