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Bonner Zeitgeschichte: Sprung aus dem Fenster rettete sein Leben

Bonner Zeitgeschichte : Sprung aus dem Fenster rettete sein Leben

Otto Löwenstein war ein Pionier der Kinderpsychiatrie. Sein Neffe erinnert sich an den berühmten Onkel, der von den Nazis verfolgt wurde. Seine heute 90-jährige Tochter Marieli Rowe weihte in der LVR-Klinik eine Bronzebüste des Vaters ein.

Es ist die lange Leidensgeschichte des berühmten Bonner Psychiaters Otto Löwenstein (1889-1965), die sein Neffe Raimund Wimmer dem General-Anzeiger aus Sicht der Familie erzählen kann. Wimmer, selbst Bonner, Juraprofessor und ehemaliger Oberstadtdirektor von Osnabrück, ist Jahrgang 1935 und hat den Onkel, der 1926 in Bonn die weltweit erste eigenständige Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie gegründet hatte, als Kind nicht mehr erlebt. Denn der hatte schon kurz nach der Machtergreifung der Nazis 1933 Hals über Kopf aus Bonn fliehen müssen. Der Protestant Löwenstein war seiner jüdischen Abstammung wegen durch Denunziation von Neidern ins Schussfeld der Nazi-Propaganda geraten, weil die Kollegenschaft ihn aus dem Weg räumen wollte.

„Mein Onkel ist also 1933 reaktionsschnell hinten aus dem Klinikfenster rausgesprungen, während vorne mit Hilfe seines Oberarztes schon die SA einmarschierte“, berichtet Wimmer. „Ja, in letzter Minute, hochdramatisch.“ Der Onkel sei gerade noch gewarnt worden, dass ihn ein Trupp aus Köln verhaften und „in Ketten durch die Stadt führen“ sollte. Die Geschichtsschreibung vermerkt: Löwensteins Assistenten wurden misshandelt, das Institut zerstört. Und dann hatte Menschenhass das Sagen: Unter Löwensteins Nachfolger Hans-Aloys Schmitz wurden 257 Kinder aus der heutigen Bonner LVR-Klinik deportiert und ermordet: Sie waren als „ausmerzreif“ diagnostiziert worden. Schmitz blieb später bis 1964 im Amt.

Seine Schwester Klara wurde ermordet

In der Familie sei erzählt worden, dass der Onkel mit seiner Frau und den beiden Töchtern 1933 schnurstracks erst ins Saarland und von da in die Schweiz geflohen sei, berichtet der Neffe. „Da hat er eine Weile am Genfer See in einem Sanatorium gearbeitet.“ In der Zeit habe der Onkel immer noch gemeint, die Nazi-Diktatur werde nur vorübergehend existieren und er käme bald zurück nach Bonn, sagt Raimund Wimmer. Aber dann habe Löwenstein die Gefahr für ganz Europa erkannt und habe sich weiter nach New York gerettet – wo er alle seine Examina neu habe machen müssen. „Er hat uns später erzählt, dass er dort in einer Arbeitsgruppe mit anderen deutschen Ärzten fleißig für die Prüfungen lernte. Er, der in Bonn ja schon Ordinarius war.“

Von den USA aus, wo er ab 1947 wieder Karriere an der Columbia University machen sollte, habe der Onkel bis 1945 bange Nachforschungen angestellt, ob seine Familie in Deutschland überhaupt noch lebte. Und seine Angst bestätigte sich: Schwester Klara Löwenstein wurde ihrer jüdischen Herkunft wegen ermordet. „Für sie ist in der Bonner Adolfstraße ein Stolperstein zur Erinnerung gelegt“, sagt Neffe Wimmer. Seine eigene Mutter, Löwensteins Schwester Marta, sei „wie durch ein Wunder“ erst am Kriegsende in ein Außenlager des KZ Mauthausen verschleppt worden. „Dass das nicht im Gas endete, war nur dem Umstand zu verdanken, dass die Amerikaner einmarschierten. Da ging es nur um wenige Wochen, dann wäre auch sie dran gewesen.“ Raimund Wimmer schweigt.

Er hat den 1965 verstorbenen berühmten Onkel nach dem Krieg als sehr liebevollen Menschen in Erinnerung. Löwenstein habe die Angehörigen lange mit Lebensmittelpaketen versorgt. Bei späteren Bonn-Aufenthalten habe er sich als sehr gütiger, kluger, weltzugewandter Wissenschaftler bewiesen. „Er war ohne Groll, aber zurückkehren wollte er auf keinen Fall.“ Vor einigen Wochen hat Wimmer seine Cousine, die Löwenstein-Tochter Marieli Rowe, mit ihrem Sohn Peter Rowe aus den USA auf Bonn-Besuch begrüßen können. Die drei seien auch in der LVR-Klinik gewesen. Die 90-jährige Cousine habe die neu im „Otto-Löwenstein-Haus“ platzierte Bronzebüste des Vaters eingeweiht. „Und sie hat sich darüber gefreut, dass seine Pionierarbeit bis heute weiter wirkt. Das mache uns als Familie sehr stolz.“