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Prozess in Bonn: 19-Jähriger soll Behinderten brutal getötet haben

Prozess in Bonn : 19-Jähriger soll Behinderten brutal getötet haben

Vor acht Monaten wurde ihr Sohn auf brutale Weise getötet, am Freitag traf die Mutter im Landgericht erstmals auf den mutmaßlichen Mörder ihres 30-jährigen Kindes, das das Down Syndrom hatte.

Doch bevor das Jugendschwurgericht mit der Wahrheitssuche beginnen konnte, war der Prozess vorbei. Grund sind nur fünf CDs, doch die haben es in sich: Weil die Datenträger nicht dort waren, wo sie hingehören, platzte das Verfahren nach eineinhalb Stunden.

In Handschellen war der Angeklagte von Wachtmeistern in den Gerichtssaal gebracht worden. Der 19-Jährige soll am 24. April sein Opfer in dessen Wohnung im "Haus Müllestumpe" erstochen haben und muss sich nun wegen Mordes aus Habgier und Mordlust verantworten.

Mit kurzrasierten Haaren nahm er neben seinem Verteidiger Dietmar Bonn Platz und zeigte keine Regung. Erst nachdem Fotografen und Kameraleute den Saal verlassen hatten, betrat die Mutter des Opfers durch einen Nebeneingang den Saal. Sichtlich nervös setzte sich die Nebenklägerin neben ihren Anwalt Uwe Krechel. Auch die beiden Geschwister des Opfers treten im Prozess als Nebenkläger auf.

Dann verlas Staatsanwältin Sandra Düppen die Anklage: Bereits einen Tag vor dem Mord soll der Angeklagte aus seiner Wohnung in Auerberg heraus mit einem Luftgewehr auf einen Nachbarn geschossen und ihn am Arm verletzt haben. Die Polizei verwarnte ihn. Am nächsten Tag setzte der zur Tatzeit 18-Jährige laut Anklage seine Tötungsfantasie in die Tat um.

Am späten Abend soll er an der Wohnanlage, in der behinderte und nichtbehinderte Menschen zusammen leben, erschienen sein. Offenbar kannte er das Opfer flüchtig. Und als der 30-Jährige den ungebetenen Besucher wegschicken wollte, geschah es: Der Angeklagte stach laut Anklage mit einem Messer neun Mal auf Oberkörper und Kopf seines Opfers ein. Der 30-Jährige starb aufgrund des großen Blutverlusts.

Die Mutter des Opfers rang erkennbar um Fassung, als sie den Tathergang hörte. In einem Brief an den GA hatte sie zuvor erklärt: "Alles wird sich im Prozess um den Täter drehen, Ich habe nun die Hoffnung, dass Sie vielleicht auch meinem Sohn ein paar Zeilen einräumen, damit er als Opfer ein Gesicht bekommt."

Nach der Anklageverlesung bahnte sich die Aussetzung des Prozesses an: Anwalt Bonn stellte einen entsprechenden Antrag, da er keine komplette Akteneinsicht bekommen habe. Und es kam heraus, dass in der Prozessvorbereitung tatsächlich Fehler gemacht worden waren. Laut Staatsanwältin Düppen wurden fünf CDs im Asservatenraum der Staatsanwaltschaft falsch einsortiert. Das habe sie erst einen Tag vor Prozessbeginn festgestellt. In der Akte sind zwar offenbar Auszüge der gespeicherten Daten enthalten. Der Verteidiger monierte jedoch das Fehlen von Ermittlungsergebnissen wie Auswertung von Mobiltelefonen und Videokameras.

Das Gericht gab dem Antrag der Verteidigung statt. Nun sollen die CDs allen Prozessbeteiligten zur Verfügung gestellt werden. Mitte Januar wird der Prozess neu aufgerollt. Die Mutter des Opfers wird wieder für ihren Sohn dabei sein.

In einem Brief an den GA beschreibt die Mutter ihren ermordeten Sohn:

"Das Wort 'Opfer' ist zu klein für einen Menschen, der etwas Besonderes war. In erster Linie war er mein Sohn Stefan, ein Bruder, ein Freund und einfach ein liebenswerter junger Mann, der das Leben sehr geliebt hat. Stefan war bei allen Menschen, die ihn kannten, beliebt. Von vielen wurde er als Sonnenschein beschrieben, weil er fast immer gut gelaunt war und andere gerne zum Lachen brachte.

Jeder, den er liebte, bekam von ihm einen ganz persönlichen Spitznamen. Seine Helden waren sein Bruder, die Power Ranger und die Männer von Cobra 11, aber auch seine beiden Betreuer in der Werkstatt, die ihm vielleicht ein wenig den Vater ersetzten. Stefan liebte seine Arbeit über alles, krank zu Hause bleiben zu müssen, war für ihn eine Strafe.

Im Juli 2014 zog er ins Betreute Wohnen nach Graurheindorf, in sein erstes eigenes Apartment und in eine ganz neue Selbstständigkeit. Er war so stolz und glücklich, und er hat die neuen Herausforderungen verdammt gut gemeistert. Er freundete sich sehr schnell mit seinen neuen Nachbarn an, mochte seine Betreuerinnen sehr und schaffte mit deren Unterstützung alle Aufgaben des täglichen Lebens, wie Einkaufen und Hausarbeiten, das gemeinsame Kochen machte ihm viel Freude, begeistert ging er jeden Dienstag in die Holzwerkstatt.

Das Zusammensein mit seinen Nachbarn und Freunden war ihm sehr wichtig. Er war hilfsbereit, fantasievoll, witzig, charmant, manchmal auch etwas zu laut und hektisch. Er hasste Ungerechtigkeiten, konnte diskutieren, wütend oder schrecklich traurig werden. Seine Familie hat er geliebt wie sonst nichts auf der Welt. Sie war Mittelpunkt seines Lebens, und er war ein wichtiger Teil unseres Lebens.

Wir waren vier Menschen, die sich sehr geliebt haben, die sich immer aufeinander verlassen konnten. Jetzt sind wir nur noch zu dritt, ein Stuhl bleibt für immer leer. Wir versuchen den Schmerz, der manchmal droht, uns zu zerreißen und kaum auszuhalten ist, irgendwie zu ertragen. Er fehlt uns unsagbar, es gibt keinen Tag, an dem wir nicht an ihn denken, keinen Tag, an dem ich nicht um Ihn weine.

Stefan hat sein Leben geliebt, es war für ihn voll mit Abenteuern und neuen Herausforderungen. Er hatte so viele Gesichter, so viele wunderbare Eigenarten. Aber eines war er niemals: falsch, heimtückisch, böse, grausam, absichtlich verletzend oder hassend. Genau das unterscheidet ihn von dem Mann, der ihm sein geliebtes Leben genommen hat."