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Blind in Bonn: Stadt ist nicht das beste Pflaster für sehbehinderte Menschen

Blind in Bonn : Stadt ist nicht das beste Pflaster für sehbehinderte Menschen

Und plötzlich ist er verloren. Verloren mitten auf der Poststraße in der belebten Bonner Innenstadt. Arne Siebert weiß nicht mehr, wohin er gehen soll. Um ihn herum verfolgen alle Menschen zielstrebig ihren Weg.

Siebert driftet nach links ab, dreht sich um, tastet nach Hilfe - er hat die Orientierung verloren. In seinem Fall eine breite, gepflasterte Regenrinne, von der er dachte, sie führt ihn geradewegs auf den Münsterplatz.

Wie ist es, als blinder Mensch in Bonn zu leben? Wer Arne Siebert ein paar Stunden durch die Innenstadt begleitet, bekommt ein Gefühl dafür, wie beschwerlich und gefährlich das sein kann. Wie frustrierend und irritierend. Aber auch begeisternd und wohltuend entschleunigt.

Arne Siebert kommt auf Gleis 5 des Hauptbahnhofs mit der Regionalbahn an. Ein modisch gekleideter junger Mann mit langem blonden Haar, roter Jacke, darunter ein gelber Pullover, blaue Hose, moderne Schuhe. Erst bei genauerer Betrachtung fällt auf: Siebert hat ein Handicap. Man sieht es an seinen Augen. Sein linkes ist ganz klein und zurückgezogen, kaum sichtbar.

Das rechte hingegen steht deutlich hervor, die blaue Pupille ist milchig und trübe. Der 31-Jährige hat nur ein Prozent Sehkraft, erkennt nur Farben und große Flächen. Er wurde mit dem Grünen Star geboren, hatte extremen Druck auf den Augen. Mehrere Operationen haben ihm als Kind die Schmerzen genommen. Die Sehkraft konnten sie ihm nicht wiedergeben.

Schon auf dem Bahnsteig wird klar: Der klappbare Stock ist für Siebert das, was für viele andere Menschen die Augen sind: eine Lebensversicherung. Mit dem rot-weißen Wegweiser tastet er sich möglichst weit an den Rand, weit weg von der gefährlichen Gleiskante. Mit dem Stock erfühlt er Treppen, Bordsteinkanten, Hindernisse. Der Weg vom Bahnsteig nach draußen ist für ihn ein Kinderspiel. Treppe runter, links, geradeaus, rechts die Stufen hoch. Er nimmt Treppen so selbstverständlich wie mancher den Aufzug.

Der Weg führt über Gleis 1, weil dort nicht so viele Unwägbarkeiten lauern. Dennoch läuft Siebert alle paar Meter gegen ein Fahrrad oder einen Pfeiler. Damit er nicht in den Speichen oder Streben hängen bleibt, hat er eine extra große Kugel am Fuße seine Stocks.

"Ich komme mir vor, wie in einem Computerspiel, in dem ich allerlei Hindernissen ausweichen muss", sagt er. Weil er den Stock auf dem Boden vor sich her wedelt, verpasst er aber hin und wieder eines dieser Hindernisse. Meist sind dies Straßenlaternen oder ähnliche Pfähle. Nicht selten stößt er dann dagegen. Die letzte Wunde an seinem Kopf ist nach einem Frontalzusammenstoß noch nicht ganz verheilt.

Siebert lebt seit neun Jahren in Bonn, der "provinziellsten Metropole der Welt", wie er sagt. Gerade hat er sein Studium der Musikwissenschaft abgeschlossen. Auch wenn er sich beruflich eher in Richtung Journalismus orientieren möchte, ist Hören für ihn essenziell: Woher kommen Geräusche oder Stimmen - zwei sehr wichtige Orientierungshilfen.

Später wird er mitten auf dem Münsterplatz anhand von Stimmen aus dem Café und des Echos, das sein Stock durch Schlagen auf den Boden auslöst, exakt die Position aller Geschäfte, des alten Postamtes und des Münsters bestimmen. So, als könne er sehen. Doch zurück zum Hauptbahnhof: Auf dem Weg in Richtung seines Waschsalons auf der Kaiserstraße sagt Siebert plötzlich: "Schade, ich dachte, bei dem schönen Wetter wäre der Brunnen schon an." Doch es plätschert nichts in dem noch kaum in Sichtweite liegenden Brunnen am Kaiserplatz. Siebert sieht zwar so gut wie nichts, doch er nimmt oft mehr wahr, als die Menschen um ihn herum. Die nehmen manchmal noch nicht einmal ihn wahr.

Wenig später, in der Kaiserstraße angekommen, wird es etwas enger auf dem Bürgersteig. Eine Frau kümmert das nicht. Sie rempelt Siebert einfach an. Wie sollte er ausweichen können? Doch an solche Vorfälle ist er mittlerweile gewöhnt. Schwerer wiegt für ihn, wenn er auf direkte Ablehnung stößt. "Kinder weinen teilweise, wenn sie mich sehen", sagt er nachdenklich. "Es tut weh, wenn sich Menschen wegen meines Äußeren nicht auf mich einlassen."

Überhaupt sind Menschen und ihre individuelle Situation das Thema von Siebert. Gerade Menschen mit Behinderung. "Jeder Behinderte ist anders", sagt er. "Und wir können mehr, als einen Job als Telefonist oder in Behindertenwerkstätten arbeiten." Er selbst lebt derzeit von Hartz IV - aus gutem Grund, wie er meint. "Behinderte werden oft in unterbezahlte Jobs geschoben, damit sie irgendetwas haben. Aber keiner achtet dabei auf ihre wahren Fähigkeiten. Viele Behinderte fühlen sich dann wie Dreck." Ein typischer Satz von Siebert.

Schon immer hatte er "eine große Klappe", wie er an einem Tisch in seinem Waschsalon sagt. "Die Leute wollen nur noch funktionierende Menschen im Job, das macht mir Angst. Ich lasse mir aber nicht alles gefallen." Im Hintergrund läuft die Waschmaschine mit seiner Wäsche. Hilfe beim Einräumen hat er abgelehnt. Siebert möchte ernst genommen werden. Deswegen trägt er auch keine Armbinde mit den drei schwarzen Punkten auf gelbem Grund. "Das ist wie ein Stempel, dass ich nicht dazugehöre."

Doch er tut viel, um dazuzugehören. Mit seinen paar engen Freunden - nicht alle sind blind - geht er hin und wieder in Kneipen, meistens in Köln. Ein großes Problem sind für ihn die Nachtbusse auf dem Heimweg, denn die fahren ihn zwar theoretisch bis nach Duisdorf. Doch die Abfahrtszeiten sind so eng an den Ankunftszeiten der Regionalbahnen, dass es unmöglich für ihn ist, sie pünktlich zu erreichen. "Und an Bushaltestellen gibt es keine Informationen für Blinde", bemängelt Siebert. Elektronische Ansagen auf Knopfdruck seien die Ausnahme. Auch in solchen Momenten ist er wieder verloren und muss um Hilfe fragen. "Ich hasse das", sagt er.

Überall dort, wo die Infrastruktur recht neu ist, wurde hingegen auch an behinderte Menschen gedacht. Etwa an der Bus- und Bahnhaltestelle Thomas-Mann-Straße. An den Fahrbahnübergängen gibt es Leitsysteme mit Linien und Punkten auf dem Boden, damit sich Blinde orientieren können. Doch im Bereich der Haltestelle selbst ist Siebert wieder aufgeschmissen. "Es ist sehr eng, da bekomme ich Angst, auf die Gleise zu geraten." Er läuft etwas ratlos über den schmalen, langen Wartebereich. "Wo kommt denn die Bahn und wo der Bus an?" Natürlich könne er wieder andere Menschen fragen. Hin und wieder ist das einfach alternativlos, wenn die Orientierung schwer fällt.

"Ich schäme mich dann immer, weil es mir unangenehm ist, wenn mir jemand den Weg beschreiben muss." Doch es gibt Dinge, die noch schwerer wiegen: "Wenn tolle Leute rumlaufen, in die man sich gerne vergucken möchte", sagt er, ohne den Nebensatz auszusprechen, dass er sich in solchen Momenten wünschen würde, sehen zu können. Doch bevor es unangenehm wird, schiebt er selbstbewusst hinterher: "Auch blind kann man ein Liebesleben haben." Nur sei die Partnersuche eben schwieriger. "Aber auch ich gehe nach Äußerlichkeiten: Nach Gerüchen, nach der Stimme. Wichtig ist, dass Partnerschaften nicht in Hilfsbeziehungen übergehen."

Auch auf der Poststraße hat sich Siebert nach der kurzen Irritation wieder zurechtgefunden. Die Regenrinne, die zu Beginn des Rundgangs durch die Innenstadt so abrupt aufgehört hatte, hat er einige Meter seitlich versetzt wiedergefunden. Und plötzlich ist er nicht mehr verloren, sondern - einige Fahrradspeichen später - dort, wo er hinwollte. Eigenständig, ohne um Hilfe zu bitten. Ein kleiner Sieg in seinem ganz persönlichen Computerspiel.

Die Behinderten-Gemeinschaft Bonn lädt für morgen zu seiner öffentlichen Sitzung ein. Sie beginnt um 17 Uhr in der Bad Godesberger Stadthalle, Koblenzer Straße 80. Um Anmeldung per E-Mail an constanze. rolff@bgbonn.de wird gebeten.