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Stadtteilporträt Sankt Augustin Niederpleis: Niederpleis ist groß, grün und geschichtsträchtig

Stadtteilporträt Sankt Augustin Niederpleis : Niederpleis ist groß, grün und geschichtsträchtig

Niederpleis ist ein Stadtteil der Gegensätze: Das älteste Gebäude Sankt Augustins findet sich hier ebenso wie ein Wohnpark mit hoch aufragenden Häusern, kleine Parks und Zeichen vergangener Industrie. Der Ortsvorsteher vermisst nur eins.

In den vergangenen Jahrzehnten ist Niederpleis zum größten Stadtteil Sankt Augustins angewachsen. Ein Grund dafür sind die hoch aufragenden großen Mehrfamilienhäuser des markanten Rüger-Wohnparks direkt an der Grenze zu Mülldorf. Niederpleis ist aber nicht nur der größte, sondern vemutlich auch der älteste Stadtteil, er wird bereits 859 zum ersten Mal erwähnt, als die Ritter von Niederpleis die Burg errichteten, aus der später die Kirche St. Martinus weitab vom Dorf entstand.

„Es ist doch recht untypisch, dass eine Kirche nicht direkt im Zentrum steht“, sagt Ortsvorsteher René Puffe dazu. Erst in den 1950er- und 60er-Jahren seien um das Gebiet der Kirche herum Häuser gebaut worden. Um die frühere Grundschule habe sich die Siedlung ausgeweitet und so sei nach und nach schließlich das Pleiser Dreieck entstanden.

Ehemaliger Bahnhof der Bröltalbahn

Der ganz alte Ortskern von Niederpleis befindet sich nach Puffe rund um die Paul-Gerhardt-Straße und die Alte Schulstraße. „Die Kita am Alten Bahnhof war früher tatsächlich ein Bahnhof der Bröltalbahn“, erzählt der Ortsvorsteher. Zu den Hochzeiten des Pleistalwerks, das historisch zu Niederpleis zählt, heute aber zu Birlinghoven gehört, habe die Schmalspurbahn zu großem wirtschaftlichem Aufschwung in dem Stadtteil geführt.

„Leider ist unser Stadtteil so schnell gewachsen, dass wir heute keinen richtigen Ortskern haben“, bedauert Puffe. Er vermisst ein klar erkennbares Zentrum, wie man es von anderen Stadtteilen kennt: „Wir haben hier keine Kölnstraße wie in Hangelar und keine Burgstraße wie in Menden”, sagt auch Sascha Ziegenhals von der Niederpleiser Dorfgemeinschaft.

Mit dem Jakob-Fußhöller-Platz wurde zwar ein Veranstaltungsraum für die vielen Feste des Stadtteils geschaffen. „Aktuell wird der Platz aber leider hauptsächlich als Parkplatz genutzt, da coronabedingt in den letzten eineinhalb Jahren nichts stattgefunden hat“, beklagt er. Ziegenhals hofft nun darauf, dass es im Winter wieder den Martinszug und den beliebten Weihnachtsmarkt geben kann. „Die Planungen laufen auf Hochtouren, aber wie die Corona-Schutzverordnung bis dahin aussehen wird, weiß aktuell niemand“, bleibt er vorsichtig.

Kinder toben auf dem „Monte Quasten“

Ein weiterer Treffpunkt für die Niederpleiser ist der Pleiser Park. Er wird von den Wohngebieten umrahmt und ist für viele Niederpleiser ein Ersatz für den Garten. Der kleine Hügel wird dort Monte Quasten genannt – nach Sankt Augustins erstem und einzigem Stadtdirektor Walter Quasten – und lädt vor allem die Kinder zum Toben ein. Wer einmal ein bisschen frische Luft braucht, kann im Niederpleiser Wald eine Runde durchatmen. Südlich an die Wohngebiete angrenzend, zwischen Schmerbroich und der Kreuz-Ecksiedlung, können die Bewohner vom Stadtleben Abstand gewinnen.

Zwischen geschichtsträchtigen Mauern aus dem Mittelalter können sich Brautpaare in der Niederpleiser Mühle das Jawort geben. Die Wassermühle wurde 1396 erstmalig erwähnt und in den Jahren 1998/99 vollständig restauriert, wie die Stadtgeschichte Sankt Augustin dokumentiert. Heute besteht die Anlage aus insgesamt fünf Gebäuden. Im Kernstück, dem großen Mühlengebäude, ist die Außenstelle des Standesamtes untergebracht. Daneben befinden sich ein Restaurant sowie mehrere Büroräume. Direkt neben der alten Wassermühle steht die Niederpleiser Burg. Die denkmalgeschützte Anlage, die heute in vierter Generation in Familienbesitz ist, wurde 1872 in ihrer ursprünglichen Substanz abgerissen und durch den heute noch bestehenden Gebäudekomplex ersetzt.

Pleistalwerk verfällt vor sich hin

Ein Stück weiter östlich befindet sich – umringt von den beiden Autobahnen A560 und A3 – die alte Tongrube Niederpleis. Einst Rohstofflieferant für die „Zeche Plato“ – das Pleistalwerk – wurde sie später von der Rhein-Sieg-Abfallwirtschaftsgesellschaft als Deponie genutzt. Heute ist das ehemalige Abbaugebiet ein bedeutender Lebensraum für seltene Tiere und befindet sich im Besitz einer Naturschutzstiftung. Die Ruine des Platowerks an der Pleistalstraße Richtung Birlinghoven ist heute noch Zeugnis der historischen Bedeutung als Standort der Tonindustrie.

Der Rüger-Wohnpark an der Grenze zu Mülldorf ist bei den Niederpleisern nicht unumstritten. Hat er doch den Ruf von Verwahrlosung mit Kleinkriminalität und Müllproblemen. „Es gibt dort einige Häuser, deren Wohnungen von großen Bauträgern, die nicht vor Ort sind, vermietet werden“, sagt René Puffe. Dennoch habe er in Gesprächen mit den Bürgern in letzter Zeit nichts Negatives gehört. Viele der Einheiten seien als Eigentumswohnungen verkauft worden und ihre Besitzer lebten seit Jahrzehnten in festem Umfeld mit einer engen Nachbarschaft.

„Die Menschen fühlen sich wohl und der Wohnpark an sich ist kein Problemgebiet“, versichert der Ortsvorsteher. Ihm hafte lediglich ein negatives Image an. „Viele Leute denken immer an soziale Brennpunkte, aber aus meiner Sicht ist das nicht so“, meint auch Sascha Ziegenhals. „Hier ist eine Durchmischung wie einmal quer durch die Waschmaschine gedreht: eine stressfreie Multikulti-Mischung von Menschen mit und ohne Migrationshintergrund sowie Jung und Alt.“