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Wolf-Dieter Poschmann tot: Nachruf auf ZDF-Sportmoderator

Nachruf auf Wolf-Dieter Poschmann : „Poschi“ war charmant, humorvoll, kritisch

Der langjährige ZDF-Sportchef und GA-Kolumnist Wolf-Dieter Poschmann ist im Alter von 70 Jahren verstorben.

Die Generalprobe ist für 18 Uhr anberaumt, die Veranstaltung beginnt um 19 Uhr. Ein enges Zeitfenster für eine etwa zweistündige Veranstaltung. Das Telefon klingelt. „Hallo, ich bin es. Der Poschi“, sagt die so bekannte sonore Stimme, die im persönlichen Gespräch bislang fremd geblieben ist. „Ich brauche noch ein wenig“, sagt Wolf-Dieter Poschmann erstaunlich gelassen.

Zehn Minuten später betritt „Poschi“, wie er nun auch in der Sport­redaktion des GA genannt werden darf, den Saal, in dem an diesem Tag im Oktober die GA-Sportlergala stattfindet. Poschi hat sich nicht lange Bitten lassen. Das aus seiner Sicht vermutlich kleine Event moderiert er gerne für die Sportler aus Bonn und dem Rhein-Sieg-Kreis. Er sei ein Menschenfänger, sagen Kollegen über Poschmann. Das ist er in diesem Moment. In schickem Anzug betritt er den Raum, schaut sich kurz um, lächelt. Ein warmes Lächeln. Während den Veranstaltern der Schweiß den Rücken runterläuft, ist es Poschmann, der mit seiner gelassenen Art für Entspannung, Entschleunigung sorgt. „Gehen wir es nur ganz kurz durch“, sagt er souverän und hat die anwesenden Printkollegen direkt gefangen. 

Poschmann startete einst für den LC Bonn

Die Generalprobe ist gar keine Generalprobe. Es ist viel mehr ein Feinjustieren seiner Moderationskarten, hier noch schnell eine Anekdote, die er den Anwesenden aus den Rippen leihert, da ein kleiner Witz und dann noch ein freundlich gemeinter Verbesserungsvorschlag, der Hand und Fuß hat. Die Gala moderiert er mit Charme, pointierten Witzen, vielleicht mal ein wenig drüber, aber immer nett. Fehler im Ablauf, in der Moderation ignoriert er, fährt einfach fort. Das imponiert. Poschmann ist Profi durch und durch, ohne überheblich, arrogant oder divenhaft zu wirken. Untypisch im Haifischbecken einiger TV-Moderatoren. Dafür stets freundlich, nahbar. Er ist aber auch Idol so vieler heutiger Sportjournalisten, die mit seiner Stimme aufgewachsen sind.

 Mit viel Witz führte Poschmann als Moderator durch die GA-Sportlergala 2019. Hier ist er im Gespräch mit Jahressiegerin Sarah Liegmann.
Mit viel Witz führte Poschmann als Moderator durch die GA-Sportlergala 2019. Hier ist er im Gespräch mit Jahressiegerin Sarah Liegmann. Foto: Benjamin Westhoff

Von 1993 bis 2016 ist der gebürtige Kölner Redakteur des ZDF. Von 1994 bis 2011 ist das „Sportstudio“ seine Bühne. Er kommentiert bei zahlreichen Sportevents. Sein Live-Kommentar zum Olympiasieg von Nils Schumann 2000 in Sydney ist legendär. Vor allem der Leichtathletik hat sich Poschmann verschrieben, startete einst selbst unter anderem auch für den LC Bonn. 

„Ich habe so viel Spannendes und Großartiges erlebt“

Poschmann ist direkt, gerade heraus. „Ich bin ein Freund der gesprochenen Worte. Wir sollten also mehr telefonieren“, sagte er nach einem endlos langen Mailverkehr im Vorfeld der Sportlergala. Der Sportmoderator hat nie ein Blatt vor den Mund genommen, ist oft angeeckt. Diverse Äußerungen zum Thema Doping wurden kritisch aufgenommen. „Irgendwann habe ich mir die Frage gestellt: Wofür willst du stehen, was ist dein journalistischer Anspruch, was sind deine Werte? Mit der Erfahrung der Jahre und der Kenntnis der Hintergründe habe ich beschlossen zu benennen, was meiner Meinung nach falsch läuft. Dass ich damit polarisiere, ist mir bewusst“, sagte Poschmann 2016, kurz vor seinem Ruhestand, im GA-Interview.

Er polarisierte auch mit seinen Kolumnen, die er regelmäßig für den General-Anzeiger geschrieben hat. Den Weg in den Ruhestand hat er nie bereut, im Gegenteil: „Die Berichterstattung im Allgemeinen ist braver, geschmeidiger und weniger kontrovers geworden“, sagte er dem GA 2016. „Ich habe so viel Spannendes und Großartiges erlebt, durfte ein kleiner Teil von großen Sportmomenten sein, habe Generationen von Sportlern kommen und gehen sehen, habe die deutsche Einheit, die im Sport ja irgendwie immer noch nicht richtig vollzogen ist, begleitet. Es fällt mir nicht schwer loszulassen – also jetzt.“

„Die Verantwortung, die man vor einem Millionenpublikum hat“

So ganz konnte Poschmann dann doch nicht loslassen. Er moderierte als freier Journalist Sportveranstaltungen, andere Events und für den GA die Sportlergala. Im vergangenen Jahr ließ er sich dafür sogar auf ein neues Format ein und im wahrsten Sinne des Wortes die Hosen runter. In einer Video-Stream-Veranstaltung moderierte er gewohnt professionell die Sportlergala – in Leggins. In nur einem Versuch waren die Aufnahmen abgedreht. Die jungen produzierenden Kollegen protegierte er, gab ihnen Tipps, plauderte aus dem Nähkästchen, fing sie innerhalb weniger Minuten ein, um sie später in überschwänglichem Maße zu loben. „Junge, die muss man fördern“, sagte er damals. „Die haben eine große Karriere vor sich.“

 Von 1994 bis 2011 moderierte er das "Sportstudio" im ZDF.
Von 1994 bis 2011 moderierte er das "Sportstudio" im ZDF. Foto: ZDF/Kerstin Bänsch

So wie Poschmann, der eigentlich Fußballprofi werden wollte, aufgrund seiner rudimentären Technik, wie er einst selbst sagte, aber dann das Studium des Deutschlehrers anpeilte. Als Hospitant begann er 1986 beim ZDF. „Als ich als Deutschlehrer kam, war ich begeistert, wie wichtig für Dieter Kürten, Harry Valérien oder Wolfram Esser Sprache war und wie sehr sie sich darum bemüht haben, uns zu vermitteln, den Sportjargon nicht zu übernehmen und Klischees zu vermeiden. Das ständige Erinnern an die Verantwortung, die man vor einem Millionenpublikum hat“, sagte er im GA-Interview.

„Wolf-Dieter Poschmann hat den ZDF-Zuschauern viele große Sportmomente anschaulich, kompetent und mit viel Leidenschaft für die Leistung der Athleten vermittelt. Über 30 Jahre war er eines der prägenden Gesichter und eine der einprägsamen Stimmen vieler Sportsendungen im Zweiten“, sagte ZDF-Chefredakteur Peter Frey.

Die sonore, so einprägsame Stimme ist am vergangenen Freitag verstummt. Wolf-Dieter Poschmann, Poschi, ist im Alter von 70 Jahren nach schwerer, kurzer Krankheit verstorben.