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„Verschickungskinder“ klären auf: Kuraufenthalte in der Nachkriegszeit waren ein Martyrium

„Verschickungskinder“ klären auf : Kuraufenthalte in der Nachkriegszeit waren ein Martyrium

Die Initiative Verschickungskinder arbeitet ein verdrängtes Kapitel deutscher Nachkriegsgeschichte auf. Für viele entpuppte sich der Kuraufenthalt als Martyrium. Darunter sind auch Bonner.

Monika Schneider (65) war fünf Jahre alt, als ihre Eltern sie 1960 auf Anraten des Hausarztes zusammen mit ihrer zwei Jahre jüngeren Schwester in das Kinderkurheim „Lug ins Land“ in den Schwarzwald verschicken ließen. „Es war die Hölle für mich“, sagt Schneider rückblickend.

Sie musste Tag und Nacht auf ihre kleine Schwester aufpassen, um sie als Bettnässerin vor den Misshandlungen der „Tanten“, wie das vorzugsweise weibliche Personal in den Kinderheimen genannt wurde, zu schützen. Das misslang ihr jedoch bereits in der ersten Nacht nach ihrer Ankunft in Todtmoos. Die Tanten sperrten die Dreijährige zur Strafe in eine dunkle und kalte Dachkammer. „Es war Winter und sie muss jämmerlich gefroren haben“, erinnert sich Schneider, die ihren wahren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Von dieser ersten Nacht an, habe sie nicht mehr richtig schlafen können. Ständig hatte sie ihre Schwester im Blick und hob sie aus dem Gitterbett, wenn sie sich einzunässen drohte. Sechs Wochen lang sollten sich die beiden Kinder von der häuslichen Enge in Tannenbusch „erholen“.

Das Verschickungs-Prozedere fand in den Nachkriegsjahren millionenfach statt. Oft sollten Haltungsschäden, asthmatische oder chronische Erkrankungen der Grund für die vom Arzt verschriebenen Kuraufenthalte sein, die zwischen sechs Wochen und bis zu drei Monaten dauern konnten. „Sechs Wochen von den Eltern getrennt zu sein, war schwer“, fasst Schneider wortkarg zusammen. Noch gelingt es ihr nicht, ausführlich über ihre Erlebnisse zu sprechen. Doch die Folgen dieser Zeit beschreibt sie mit Essstörungen, die sie nach dem „Kuraufenthalt“ zu einem dicken Kind machten. „Ich habe nur noch gefressen“, sagt sie. Anders könne man das nicht bezeichnen.

In der Pubertät fing ihre Drogenabhängigkeit an. Für vieles, was in ihrem Leben falsch gelaufen sei, macht sie die Zeit als Verschickungskind im Kinderheim verantwortlich. Über die sozialen Medien hat sie von der Initiative Verschickungskinder erfahren und macht nun erste Schritte, sich dem Thema gegenüber zu öffnen. Mit ihr sind auch der Bonner Ulrich Zapp (77) und Arno Gobbetto (62) aus Wülfrath in das Gasthaus „Elefant“ im Bonner Zentrum gekommen. Dorthin hatte Martina Schröder von der Initiative Betroffene durch einen Facebook-Aufruf eingeladen.

Die von der Sonderpädagogin und freien Autorin Anja Röhl ins Leben gerufene Initiative Verschickungskinder hat das Ziel, mit wissenschaftlicher Aufarbeitung herauszufinden, ob es sich bei den traumatischen Erlebnissen der Betroffenen um Einzelfälle oder ein Massenphänomen handelt. Binnen kurzer Zeit sind nach dem konstituierenden Kongress, der Ende des letzten Jahres auf Sylt stattfand, schon über 2000 schicksalshafte Berichte auf der Webseite der Initiative nachzulesen. Es scheint, dass viele Betroffene nur darauf gewartet haben, sich über ihre Erlebnisse mit anderen austauschen zu können.

Der Betriebswirt und Autor Gobbetto vermutet hinter der Verschickung ein „gigantisches Geschäftsmodell“ zwischen Krankenkassen und den leerstehenden Kinderheimen am Meer, die mit zahlenden Gästen versorgt wurden. Röhl vermutet, dass es Prämien gab: „Die Kinder waren nicht alle krank. Zu dünn, zu dick, ein bisschen blass, blutarm, die abenteuerlichsten Diagnosen. Und 57 Prozent der Heime waren 1963 in privater Trägerschaft. Das ist ein Hinweis auf hohe Gewinnspannen“, sagte sie in einem Interview mit der Tageszeitung.

Häufig finden sich Betroffene in den Fotos der Kinderheime wieder. Foto: Stefan Hermes

Unabhängig von den noch nicht belegten betrügerischen Machenschaften sind die Berichte erschütternd, die rückblickend von Betroffenen abgegeben werden. Vielfach decken sich die Erinnerungen von Schlägen und Misshandlungen. Das Essen in den Heimen sei eklig gewesen und hätte heruntergewürgt werden müssen. Manche berichten, dass sie gezwungen wurden, ihr Erbrochenes aufzuessen.

1963 gab es nach Recherchen der Initiative 839 Heime mit Platz für jährlich 350 000 Kinder. Sie kamen vorzugsweise aus benachteiligten Familien. Erklärtes Ziel war es, ihnen „Lebensmut“ und eine „besondere Liebe“ zu vermitteln. Letzteres konnte Zapp zwar nicht bestätigen, aber der Arzt war im „Elefant“ erschienen, um von seinen positiven Erlebnissen im Adolfinenheim auf Borkum zu berichten. „Es war zu der Zeit völlig normal, dass im Schlafsaal Ruhe zu sein hatte und dass man aß, was auf den Tisch kam. Nur den Fisch mochte ich nicht. Aber den hatte ich dann einfach in die Lederhose gesteckt.“