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Bevölkerungsschutz: Wie in Bonn Feuerwehrautos für den Katastrophenfall umgebaut werden

Bevölkerungsschutz : Wie in Bonn Feuerwehrautos für den Katastrophenfall umgebaut werden

Wenn es brennt, kommt die Feuerwehr. Aber was passiert, wenn eine großflächige Katastrophe droht? In Dransdorf baut der Bund Fahrzeuge für solche Notfälle um und liefert sie in ganz Deutschland aus.

Reiner Kunze hat sein feuerwehrrotes Klemmbrett fest im Griff. Die rahmenlose Brille sitzt auf seiner Nasenspitze, rutscht fast herunter. Das dunkelblaue kurzärmelige Hemd ist bis zum Kragen zugeknöpft, die grauen Haare sind akkurat gekämmt. Man sieht ihm die Detailverliebtheit förmlich an. „Fehler kann ich man sich hier nicht erlauben“, sagt er, während er vor dem Feuerwehrauto steht, mit dem er einige Stunden später nach Hannover fahren wird. Als Sachgebietsleiter für Fahrzeuge und Gerätetechnik bei der Berufsfeuerwehr ist er dafür verantwortlich, dass alle Materialien, die seine Kameraden nutzen, sicher sind. Denn wenn es ernst wird, geht es um Leben und Tod.

Kunze ist mit einer kleinen Abordnung nach Dransdorf gekommen, um ein neues Fahrzeug abzuholen. Es ist der Käfer unter den Feuerwehrautos. Solide Grundausstattung, von Praktikern getestet, ein Massenprodukt. Nur mit seinen 13 Tonnen rund 16 Mal so schwer. Verteilt und ausgestattet werden die Ungetüme in einer riesigen Wellblechhalle am Stadtrand. In den Regalen stapeln sich Feuerwehrpumpen und Schläuche im Wert von Millionen. Hier hat das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) sein Bestückungslager samt Werkstatt. Hier testen Experten jedes Gerät und bereiten ganz Deutschland auf großflächige Notfälle vor.

Doch bis es so weit ist, vergehen Jahre. Die Charge von rund 300 Fahrzeugen, die seit Juli ausgeliefert werden, wurde bereits 2017 ausgeschrieben. Seitdem fertigt Rosenbauer die Autos in einer Kleinserie und liefert sie peu a peu nach Bonn – etwa 70 Fahrzeuge sind geschafft. „Für den Auftrag gibt es penible Ausschreibungsunterlagen“, erklärt Michael Gewehr, der das Referat Fahrzeugtechnik und Beschaffung beim BBK leitet. Baubesprechungen im Vorfeld seien das eine. „Aber um das auch zu kontrollieren, trifft man sich regelmäßig am unfertigen Auto.“

Ist das Musterfahrzeug fertig, wird es ausgiebig getestet. Jede Klappe wird geöffnet, jede Schublade ausgezogen. Und das nicht nur auf der Straße, sondern auch im Gelände. Da steht das tonnenschwere Fahrzeug nur noch auf drei Rädern, ist diagonal verschränkt. „Auch dann müssen noch alle Arbeitsläufe ohne Beeinträchtigungen durchführbar sein“, sagt Gewehr und liefert direkt ein Beispiel hinterher. „Stellen Sie sich vor, in so einer Situation muss es schnell gehen, und plötzlich klemmt das Schubfach. Das darf nicht passieren.“

Im Bestückungslager werden aber nicht nur Löschfahrzeuge ausgerüstet. Auch Sanitätswagen oder Erkundungsmobile rollen über den Hof und werden beim BBK geplant. Es geht immer darum, auf das Schlimmste vorbereitet zu sein. Dazu zählt vor allem der Verteidigungsfall. Mögliche Szenarien sind Atomwaffeneinsätze, Angriffe auf Nuklearanlagen oder radioaktiver Fallout, der auf das Bundesgebiet weht.

So theoretisch die Materie ist, so viel Praxiserfahrung braucht sie auch. Das Team im BBK-Lager besteht aus sechs Leuten: ein Leiter, ein Stellvertreter und vier Mitarbeiter. „Sie haben Sachkenntnis, sind praktisch veranlagt und waren auch ehrenamtlich bei Feuerwehr oder Technischem Hilfswerk aktiv“, sagt Gewehr. Man weiß also aus dem eigenen Alltag, worauf es ankommt. Man könnte natürlich externe Berater damit beauftragen, was aber gerade jetzt, in Zeiten wo überhöhte Beraterausgaben des Verteidigungsministeriums diskutiert würden, einen faden Beigeschmack habe. „Außerdem haben wir hier über Jahre Sachverstand angesammelt, der auch in unseren Akten dokumentiert ist. Auf diesen Erfahrungsschatz kann niemand von außerhalb zurückgreifen“, sagt Gewehr.

Dieses Selbstbewusstsein ist auch beim stellvertretenden Leiter Ralf Weintraut zu spüren. Er führt durch die Halle, in der es neben Regalen auch eine fast fußballfeldgroße Freifläche gibt. Auf dem Parkplatz davor reihen sich die unfertigen und fertigen Feuerwehrautos wie bei einem Appell zentimetergenau auf. Jedes Fahrzeug wird exakt gleich beladen und ist genormt (siehe „Das ist an Bord). Rund 200 Teile verstauen die BBK-Mitarbeiter und kontrollieren sie dabei auch.  „Der Klassiker ist, dass sich während der Produktion ein Griff geändert wird.“ Der wiederum passt dann nicht in die vorher gefertigte Halterung. „Da hat man keinen richtigen Schuldigen, wenn es nicht in der Norm steht. Aber der Bund würde darauf sitzen bleiben.“ Den Einkauf für alle Einzelteile übernimmt das Beschaffungsamt des Innenministeriums, das ebenfalls im Bonner Norden liegt.

Reiner Kunze kann es kaum erwarten, die neuen Feuerwehrautos in Hannover in Betrieb zu nehmen. „Wir erhalten insgesamt fünf vom Bund, trotzdem sind dann noch zwei Posten offen“, erklärt er. Der Bund übergibt die Löschfahrzeuge nach einem Schlüssel: Alle Bundesländer sollen möglichst gleichmäßig versorgt werden. Die Innenministerien der Länder bestimmen selbst, bei welchen Kreis- und Gemeindefeuerwehren die Fahrzeuge stationiert werden. In einer Metropole wie Hannover landen mehr als in abgelegenen Regionen. In Bonn bekommt die Wache Beuel ein Feuerwehrauto.  Das BBK weist die Einsatzkräfte zudem ein. 

Von außen sehen die Katastrophenschutzfahrzeuge herkömmlichen Modellen sehr ähnlich. „Es gibt aber besondere Merkmale“, erklärt Gewehr. So haben seine Autos beispielsweise ein Reserverad und mehr Schläuche an Bord. Zudem sind sie mit Digital- und Analogfunkgeräten bestückt – sozusagen als Rückfallebene. Hat ein Alltags-Feuerwehrfahrzeug auf dem Weg zu einem Brand einen Schaden, wird es abgemeldet und ein neues kommt.  „Diesen Luxus können wir uns im Verteidigungsfall nicht leisten. Das Auto muss so lange betrieben  werden können, wie es erforderlich ist.“