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Wiederaufbau nach der Flutkatastrophe: Bad Neuenahr-Ahrweiler

Wiederaufbau in Bad Neuenahr-Ahrweiler : Was die Unterquerung der Ahr mit einem Abwasserkanal so schwierig macht

Nach der Flutkatastrophe ist eine komplette Neuplanung für die Unterquerung der Ahr mit einem Abwasserkanal auf Höhe der ehemaligen Landgrafenbrücke nötig. Experten bewerten das Projekt als technisch schwierig - es biete aber auch Chancen.

Wie gelangt das Abwasser aus den südlich der Ahr gelegenen Bereichen von Bad Neuenahr unter dem nach der Flutkatastrophe deutlich veränderten Flusslauf hindurch an das nördliche Ahrufer? Mit dieser nicht alltäglichen Frage beschäftigte sich der Haupt- und Finanzausschuss der Kreisstadt in seiner jüngsten Sitzung, überließ aber die Entscheidung letztlich dem Stadtrat. Bis zu dessen nächster Sitzung am Mittwoch, 27. Oktober, soll die Frage geklärt werden, ob zugleich auch die ebenfalls infolge der Starkregenkatastrophe zerstörten Versorgungsleitungen für Wasser, Strom, Gas und Telekommunikation in einem Arbeitsschritt ans andere Ufer geführt werden können.

Bei der Flutkatastrophe in der Nacht zum 15. Juli sei auch die städtische Abwasser-Infrastruktur von Bad Neuenahr-Ahrweiler massiv in Mitleidenschaft gezogen worden, erläuterte der Erste Beigeordnete Peter Diewald. So auch die Druckleitung an der Landgrafenbrücke, mit deren Hilfe das Abwasser der südlichen Teile von Bad Neuenahr die Unterquerung der Ahr schafften. Im Fachjargon nennt man dieses Bauwerk einen „Düker“. Davon sei so gut wie nichts mehr übriggeblieben, bedauerte Diewald. An dieser Stelle werde derzeit das Schmutzwasser aus dem Einzugsbereich zwischen der Landgrafenbrücke und dem Krankenhaus im „geregelten Notbetrieb“ in den Regenwasserkanal umgepumpt, um überhaupt eine Abwasserentsorgung der angeschlossenen Wohngebiete sicherstellen zu können. Das sei mit den übergeordneten Behörden abgesprochen.

Zudem werde die Abwasser-Sammelleitung des Abwasserzweckverbandes Untere Ahr (AZV) am Nordufer der Ahr ab dieser Stelle bereits wieder bis zur Kläranlage Sinzig geführt. Deshalb gelte es nun, auch die südlich der Ahr gelegene Abwassersammelleitung an die Sinziger Kläranlage anzubinden. Ahrabwärts sei diese immerhin ab der Höhe der Berufsbildenden Schulen bis zum Flachsmarkt im Stadtteil Heimersheim wieder vollständig intakt.

Das Hochwasser hat neben der Landgrafenbrücke auch sämtliche Leitungen weggerissen

Große Probleme gebe es jedoch an der ehemalige Landgrafenbrücke, die durch das Hochwasser komplett weggerissen wurde und mit ihr auch sämtliche Versorgungsleitungen, die entlang der Brücke die Ahr überquert hatten. Weder das Schachtbauwerk noch die Rohrleitungen seien noch vorhanden, so dass ein kompletter Neubau unabdingbar sei. Auf Grund der Dringlichkeit der Maßnahme habe die Stadtverwaltung das Büro H2R-Ingenieure (Bad Breisig) mit dem Erstellen einer umsetzbaren Planung zur Erneuerung des Dükers „Landgrafenstraße“ beauftragt. „Ziel hierbei ist es, das Schmutzwasser schnellstmöglich wieder der Kläranlage zuzuführen und damit die Belastung des Gewässers deutlich zu reduzieren“, erklärte Diewald. Die Kosten hierfür würden auf etwa 815.000 Euro geschätzt, aller Voraussicht nach werde die Finanzierung des Projektes durch den Wiederaufbaufonds des Bundes abgedeckt.

Diplom-Ingenieur Horst Huhmann vom Büro H2R-Ingenieure erläuterte, es sei gar nicht so einfach, einen neuen Düker an dieser Stelle zu verwirklichen. Die Wassermassen hätten das Ufer der Ahr in diesem Bereich größtenteils weggeschwemmt und mit ihm auch die Versorgungsleitungen, die im Uferbereich verliefen. „Die Ahr ist hier jetzt deutlich breiter als bisher.“ Deshalb bleibe nur übrig, zwischen der Einfahrt des Parkdecks und der ehemalige Landgrafenbrücke einen komplett neuen Düker in offener Bauweise und als Freispiegel zu errichten. Der Zielpunkt liege schräg in Fließrichtung auf der anderen Ahrseite, etwa auf Höhe des Seta-Hotels. Alle anderen denkbaren Varianten seien entweder technisch nicht durchführbar oder völlig unwirtschaftlich.

Noch gibt es keine Entscheidung der Versorgungsunternehmen

Mit dieser von ihm vorgeschlagenen Variante gebe es zugleich die Möglichkeit, auch die sonstigen Versorgungsleitungen, wie etwa Wasser, Strom, Gas und Telekommunikation, in dem Bauwerk unterzubringen, das den Düker schützen soll. Platz genug sei da, er habe auch schon mit den zuständigen Versorgungsunternehmen gesprochen, doch deren Entscheidung stehe noch aus. „Der ganze Wiederaufbau der Infrastruktur ist eine dynamische Planung, in der viele Faktoren berücksichtigt werden und viele Akteure unter einen Hut gebracht werden müssen“, erläuterte Huhmann. Sollten die Versorgungsunternehmen mit ins Boot kommen, werde das ganze Projekt für die Stadt günstiger, weil die Partner dann einen Teil der Kosten übernehmen würden. Im Zweifel könne man vorerst auch Leerrohre mitverlegen, falls deren Entscheidungsprozesse zu lange dauerten.

„Es wäre eine Eulenspiegelei, deren Bereitschaft zum Mitmachen nicht zuerst zu überprüfen, bevor wir hier eine so weitreichende Entscheidung treffen“, fand nicht nur SPD-Fraktionschef Werner Kasel. Deshalb soll die Stadtverwaltung versuchen, bis zur Stadtratssitzung in Erfahrung zu bringen, wie es um deren Neigung zur Beteiligung stehe. Dem schloss sich der gesamte Ausschuss an.

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