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GA-Zeitzeugengespräch am Mittwoch: Harald Becker erinnert sich an Jugend und Beatszene der 60er Jahre

GA-Zeitzeugengespräch am Mittwoch : Harald Becker erinnert sich an Jugend und Beatszene der 60er Jahre

Vergangene Woche sah man ihn noch auf dem Siegburger Markt. Da spielte Harald Becker mit seiner Band "The Neat Bix" bei der Festwoche zur 950-Jahr-Feier Oldies wie "Route 66".

Es war nasskalt und ungemütlich, aber davon ließ sich der 65-Jährige nicht die gute Laune verderben. Am morgigen Mittwoch, 21. Mai, nimmt Becker ab 19 Uhr am Zeitzeugengespräch des GA im Siegburger Stadtmuseum teil. Denn er selbst lebte als Jugendlicher in Siegburg, als die Beatwelle 1963 von Großbritannien nach Deutschland schwappte.

Harald Becker ging zur Volksschule an der Bonner Straße, später auf die Realschule in Troisdorf. "Damals war die Herkunft entscheidend, wenn es um die Schullaufbahn ging", erinnert er sich. Der Vater war "nur" Arbeiter bei Phrix, also schied das Gymnasium als weiterführende Schule aus.

Aber Becker wuchs in einem musikalischen Elternhaus auf, das ihn entsprechend förderte. "Mein Vater kam aus der Swingecke, er hörte auch Platten von Elvis Presley." Der Senior hatte schon nach dem Krieg für Besatzungssoldaten gespielt und war später noch als Unterhaltungsmusiker unterwegs.

Doch dann kamen die ersten Beatles-Platten heraus, und Harald Becker war davon wie viele Altersgenossen elektrisiert. "Das war Musik, die man selbst spielen wollte", erzählt er. Aber wie? Wo konnte man sich das aneignen? "In Siegburg gab es das Konservatorium, da konnte man Musik lernen - aber nur 'anständige'." Also nahm Becker Gitarrenunterricht bei einem Akkordeonspieler.

Doch da zupfte er wochenlang "Im Märzen der Bauer" - nicht unbedingt das, was man sich vorstellt, wenn man als junger Wilder die Säle im Sturm erobern will. Da waren die Tanzmusik-Auftritte mit seinem Vater, beispielsweise im Hotel "Zum Stern", schon um einiges lehrreicher, zumindest in professioneller Hinsicht. Die Gitarrengriffe brachte sich Harald Becker selbst bei. Und um die Musik der Idole nachspielen zu können, "sezierte" man Aufnahmen vom Tonband.

Für die Siegburger Jugend spielte die Musik damals weniger im "Stern", sondern bei Jugendbällen, die oft in Sälen von Gaststätten stattfanden. Im Sieg-Rheinischen Hof in Hennef, im Mendener Hof, auch in diversen Gaststätten in Troisdorf wie der "Küz" in Sieglar. Dort hatten die Wirte die Bedürfnisse der jungen Generation als Marktlücke entdeckt. Siegburg bot den Jugendbands zunächst weniger Möglichkeiten. Gespielt wurde unter anderem im Paulusheim von Sankt Anno oder im Pfarrsaal von Sankt Servatius, später auch im CVJM.

Den offenen Jugendtreff an der Annostraße gab es allerdings noch nicht als Harald Becker mit seinen ersten Bands spielte: Die hießen ab 1965 "Les cinq points" und "WN-Group" - wobei das "WN" für Without Name" (Ohne Namen) stand. Weitere Stationen waren zwischen 1968 und 1971 "Count Down" und "Light Shadows".

"In den Anfangsjahren hat jeder, der eine Gitarre halten konnte, eine Band gegründet", sagt Becker. "Und der der schlechteste Gitarrist bekam den Bass." Die technischen Möglichkeiten seien noch sehr bescheiden gewesen: Der Schlagzeuger von Beckers erster Band probte anfangs noch auf einem Waschmittel-Pappeimer, der als Trommelersatz herhalten musste. Außerdem war die Klangqualität der Konzerte Lichtjahre von heutigen Standards entfernt.

Doch den durchschnittlichen Jugendball-Gänger der mittleren 60er Jahre störte das nicht. Man war unter Gleichgesinnten, das betraf sowohl das Publikum als auch die da oben auf der Bühne. "Das Ganze spielte sich ja vor dem Hintergrund eines gesellschaftlichen Wandels ab. Es herrschte Aufbruchstimmung", berichtet Becker, der später Lehrer wurde und an der Hauptschule unter anderem das Fach Musik unterrichtete.

Als er selbst zur Schule ging, hatten die wenigsten Lehrer Verständnis für lange Haare, Beatles-Stiefeletten oder legere Kleidung. Und Beatmusik wurde im Unterricht von den Lehrkräften allenfalls in einer herablassenden Art thematisiert. Auch Becker, der in Köln das Abitur machte, eckte damals an. Ein Foto zeigt ihn als jungen Mann mit Haartolle und buntem Hemd: Was heute kreuzbrav wirkt, galt damals schon als Provokation.

Doch es bewegte sich was. Im März 1968 wurde die jugendliche Musik bei Kolping in Siegburg zum Thema einer Podiumsdiskussionen erhoben - Thema: "Ist Beat eine Weltanschauung?" Als Gesprächsgast durfte Harald Becker aus dem Nähkästchen plaudern. Beatmusik war zu dieser Zeit keine neue Erscheinung mehr. "Das Thema kam im kirchlichen Umfeld offenbar etwas verspätet an", sagt der 65-Jährige.

Der Gedanke der Podiumsdiskussion sei aber absolut zeittypisch gewesen. Einem Zeitungsartikel ist zu entnehmen, dass sich die Kolpingsöhne vor allem dafür interessierten, wie man sich so eine teure Ausrüstung leisten könne. "Oft springen verständnisvolle Väter ein und greifen ihren Söhnen unter die Arme", antwortete Becker laut Bericht. Die Musik der 60er ließ ihn nicht los - bis heute. Bereits 1977 gründete er in Siegburg eine Oldieband, die lange zum Inventar des Stadtfests gehörte: "Kappendraht". Die Gruppe, die von Werner und Heinz Dobersalzke mitgeprägt wurde, war mit Unterbrechungen bis 2013 aktiv.

The Neat Bix

"The Neat Bix" ist eine Siegburger Band, die sich auf die Musik der 60er Jahre spezialisiert hat - vor allem auf Beat. Im Repertoire hat sie Stücke, die damals die Hitparaden stürmten. "Die Schlichtheit, die viele Stücke haben, besitzen einen gewissen Charme", sagt Harald Becker. Der 65-Jährige ist Sänger und spielt Rhythmusgitarre.

Wie Becker kann auch Bandkollege Horst Klein (61, Schlagzeug) auf eine lange Musikerkarriere zurückblicken. Komplettiert wird die Gruppe von zwei jungen Musikern: Christian Krüger (33, Sologitarre) und Merlin Hartock (24, Bass). Das Quartett will die Stücke möglichst originalgetreu spielen. Der Name "The Neat Bix" ist angelehnt an "Beatnix" und hat keine tiefere Bedeutung.

Zeitzeugengespräch

Um die Siegburger Jugendszene der 60er und 70er Jahre geht es am Mittwoch, 21. Mai, beim Zeitzeugengespräch des General-Anzeigers im Stadtmuseum am Markt. Mit dabei: Gernot Sträßer, Kurt-Werner Viedebantt, Harald Becker und Gerd Reusch. Im Anschluss an die Talkrunde erinnert die Band "Neat Bix" mit Beat-Klassikern musikalisch an die 60er.

Das Zeitzeugengespräch beginnt um 19 Uhr (Einlass 18.30 Uhr), der Eintritt ist frei. Aus organisatorischen Gründen wird um Anmeldung gebeten: siegburg@ga.de oder unter der Nummer 02241/1201200. Die Zeitzeugengespräche unter dem Motto "So hab' ich's gesehen" sind ein Beitrag des GA zur 950-Jahr-Feier Siegburgs.