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Ehrung für Godesberger Rainer Lotz: Der Mann mit 60 000 Schellackplatten im Keller

Ehrung für Godesberger Rainer Lotz : Der Mann mit 60 000 Schellackplatten im Keller

Der Musikforscher Rainer Lotz ist jetzt Ehrendoktor der Weimarer Musikhochschule. Für sein Lebenswerk wurde er auch in den USA ausgezeichnet.

Rainer Lotz hat derzeit doppelten Grund zur Freude. An der Weimarer Musikhochschule wurde dem 83-Jährigen, der eigentlich Maschinenbau-Ingenieur und promovierter Volkswirt ist, kürzlich die Ehrendoktorwürde für seine Musikforschung verliehen. Und die Association for Recorded Sound Collections (ARSC) mit Sitz in Oregona/USA prämierte auch seine neueste Buchveröffentlichung, nämlich das fünfbändige „Bilderlexikon der deutschen Schellack-Schallplatten“, mit dem internationalen Preis für die beste Forschungsarbeit an historischen Klangdokumenten.

„Das Werk behandelt auf 2288 die Geschichte der deutschen Tonindustrie von den Anfängen in den 1890er Jahren bis zum Ende der so genannten Schellack-Ära in den 1960er Jahren“, erläutert der Godesberger, der selbst eine der größten Sammlungen zum Thema besitzt.

Deutschland sei zwar die Wiege der internationalen Tonindustrie, aber erst mit seiner neuen Publikation werde dieses Stück Kulturgeschichte systematisch aufgearbeitet, erläutert der passionierte Musikforscher. „Ich habe daran ein Leben lang gearbeitet“, kommt nicht ohne Stolz hinterher.

Lotz kommt gerade aus Weimar zurück. Bei der dortigen Feier umriss Professor Martin Pfleiderer vom Institut für Musikwissenschaft Lotz’ Hauptverdienste. Sie lägen in der wissenschaftlichen Erschließung von Grammophon-Aufnahmen des 20. Jahrhunderts aus den Bereichen Unterhaltungsmusik, Jazz, jüdische Musik sowie der Geschichte von afrikanischer und afroamerikanischer Musik im kolonialen Europa. „Sie haben entscheidend daran mitgewirkt, diese Epoche der deutschen Musikgeschichte vor dem Vergessen zu bewahren“, sagte Pfleiderer.

Die Weimarer Ehrung habe er natürlich mit Freude angenommen, aber auch mit Demut, berichtet Lotz selbst. „Alle meine Vorgänger von Mauricio Kagel bis Christian Thiemann sind herausragende Vertreter der so genannten ernsten Musik, während ich im Bereich der Populärmusik geforscht habe und auch kein Musikwissenschaftler bin.“ Die Hände in den Schoß legen will er auch mit 83 Jahren nicht. Derzeit wird an einem abendfüllenden Dokumentarfilm über das jüdische Musikleben im Berlin der Jahre 1933 bis 1938 gedreht, bei dem Lotz natürlich mitmischt.

Und was passiert mit seinen eigenen 60 000 hochkarätigen Schellackplatten nebst Bibliothek, die dank seiner lebenslangen Sammlerpassion in seinem Archiv „streng geordnet wie die Zinnsoldaten“ stehen? Er habe hier nur „die superben, die sicher meist letzten Exemplare“ aus der weiten Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts gesammelt, betont der Mann, der sich seit vielen Jahren als Jazz-Historiker einen Namen gemacht hat.

Die Sammlung ist inzwischen sicher 20 Tonnen schwer. Unzählige Platten mit auch bildschönen Etiketts stehen in den Regalen. Vom legendären „Cake-Walk“ der Jahrhundertwende kann Lotz mit Enthusiasmus erzählen, von der frappierenden Offenheit und Internationalität der europäischen Musikszene bis zum Ersten Weltkrieg, als auch schwarze US-amerikanische Interpreten mit frühen Jazztiteln selbstverständlich in den Konzertsälen zwischen Gibraltar und Sibirien auftraten und ihnen die einheimischen Musiker auf Schellackplatten nachzueifern versuchten. Auch das ist  zahlreich im Archiv gelandet.

„Das ist europäisches, ja auch deutsches Kulturgut“, sagt Lotz. Dieser einmalige Schatz hat ihn sein Forscherleben lang beschäftigt. Mehr als 160 Artikel in Fachzeitschriften hat er darüber verfasst und sicher 80 Monografien. „Das heißt, ich arbeite über meine Platten“, so Lotz.

Er wolle nicht, dass sie mal auf einer Müllhalde enden, antwortet der Maestro schließlich auf die GA-Frage. Er habe sich entschlossen, sie der Lippmann-Rau-Stiftung in Eisenach zu übergeben, mit der Auflage, dass sie für Forschung und Lehre öffentlich zugänglich gemacht werden. Es seien allerdings noch rechtliche und institutionelle Fragen offen. Und welche Musik hört Rainer Lotz selbst? Die erstaunliche Antwort: „Zum Vergnügen eher die Callas, John Cage oder Weltmusik.“