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Spaziergang durch Hardtberg: Rundgang vom leuchtenden Martinszug zum demütigen Weihnachtsmann

Spaziergang durch Hardtberg : Rundgang vom leuchtenden Martinszug zum demütigen Weihnachtsmann

Weihnachtliche Entdeckungen der anderen Art: Hardtberger geben sich alle Mühe, Spaziergänger in adventliche Stimmung zu versetzen.Vom leuchtenden Martinszug geht es zum Santa Claus mit Maske. Am Gartenzaun wird der „Zapfel“ verkauft.

Ob es daran liegt, dass die Menschen in Corona-Zeiten über mehr Zeit verfügen oder daran, dass sich der Blick der Betrachter schärft, mag dahingestellt bleiben: Doch wer nun mit offenen Augen durch sein Viertel streift, kann häufig schon bei seinen Nachbarn stimmungsvolle Eindrücke sammeln oder Momente erleben.

Ob es der außergewöhnliche Weihnachtsmann im Schaufenster des Feinkosthändlers auf dem Brüser Berg ist oder das kleine Flurfenster in Lessenich, in dem sich ein faszinierendes Diorama entdecken lässt. Unweit davon ist zudem ein „Weihnachtsmärktchen hinterm Gartenzaun“ entstanden, das für einen Moment vergessen lässt, dass es in diesem Jahr weder einen Budenzauber mit singenden und sprechenden Hirschen auf dem Bonner Münsterplatz gibt, noch ein geselliges Zusammenstehen bei einem der vielen Glühweinstände.

„Wir haben uns ganz bewusst gegen ein Punsch-to-Go entschieden“, sagt Karin Aldenhövel, die mit Ihrer Tochter Maria nun bis Weihnachten von Mittwoch- bis Samstagnachmittag im heimischen Vorgarten steht und das tut, was sie seit 2016 auch auf dem Weihnachtsmarkt getan hat: Mit einer Freundin hatte sie dort ein Jahr zuvor nach dem Genuss des einen oder anderen Eierpunsches eine unbändige Lust auf einen Bratapfel bekommen, aber keinen Stand gefunden, wo sich diese Lust hätte befriedigen können. „Unter Einfluss des Alkohols wurde uns klar, dass wir als Ur-Bonner auch unbedingt Bratäpfel auf dem Weihnachtsmarkt brauchten“, erinnert sich Aldenhövel amüsiert.

Daraus entstand die Idee, von der sie alsbald als Händlerin auf einem Kunsthandwerkermarkt einem Mitarbeiter des Bonner Marktamtes erzählte, der sie ermunterte, sich doch mit dieser Idee um einen der heiß umkämpften Plätze auf dem Bonner Weihnachtsmarkt zu bewerben. Daraufhin reichte sie ein Konzept ein und war ebenso erfreut wie überrascht, dass bereits ihre erste Bewerbung zum Erfolg und damit zu einem kleinen Stand auf dem Friedensplatz führte. „In diesem Jahr hatten wir allerdings schon im Sommer die Befürchtung, dass der Weihnachtsmarkt stattfinden könnte“, sagt Aldenhövel. Nur ungern hätte sie aufgrund der zu erwartenden hohen Infektionsgefahr teilgenommen. „Aber wir hätten es ja tun müssen“, ist sie überzeugt. Denn wer einmal ablehne, habe seinen Platz für das nächste Jahr verspielt, so ihre Vermutung.

Kinder-Lederschühchen in allen Größen und Farben

Dabei macht es Mutter und Tochter viel Freude, ihre Bratäpfel, den Bratapfel-Likör und -Punsch sowie den „Zapfel“, einen gewürzten Apfelsaft, der ohne Promille heiß getrunken wird, anzubieten. Alle Apfelspezialitäten wurden in Bonn stilvoll in Keramikgeschirr gereicht. „Müllvermeidung war und ist uns auch heute sehr wichtig“, betont Aldenhövel. Darum gibt es auch jetzt in ihrem Vorgarten im Duisdorfer Rosenhain 23 keinen Ausschank. Man kann dort bei stimmungsvoller Beleuchtung und leiser Musik alles rund um den Apfel kaufen und mit nach Hause nehmen. Darunter auch die Blauton-Keramik oder die handschuhweichen Kinder-Lederschühchen in allen Größen und Farben, die Aldenhövel vor rund achtzehn Jahren angefangen hatte, für die eigenen Kinder anzufertigen. Heute bezieht sie das feine pflanzlich gegerbte Leder dafür aus Bayern und verkauft die „Hövelchen“ getauften Schuhe erfolgreich auf Kunsthandwerkermärkten.

Auch Dorothee Schell könnte sich mit ihren Dioramen durchaus auf Weihnachts- oder Kunsthandwerkermärkten sehen lassen. Doch von einem Verkauf ist die Architektin weit entfernt. „Ich habe das gemacht, weil ich so ein unglaublicher Sankt-Martin-Fan bin“, sagt sie und lacht dabei. So ziert nun schon seit einigen Jahren das Flurfenster ihres Hauses an der Ferdinand-Porsche-Straße 52 ein Schaukasten mit einer perspektivisch perfekt dargestellten Lessenicher St.-Laurentius-Kirche sowie einem plastisch davor herziehenden Martinszug. Schell verrät, dass die ersten beiden Kinder im Zug hinter dem auf einem Pferd reitenden Martin ihren eigenen Nachwuchs darstellen.

Auch Freunde ihrer Kinder dürften sich im Gefolge wiedererkennen können. Und sogar die Katze der Familie folgt dem Heiligen Mann. Die vielen bis ins Detail gestalteten Laternen der Kinder sind von ihrem Mann Bernd Thiebes mit LEDs zum Leuchten gebracht. Selbst das Gefunkel über dem Nachthimmel der Kirche ist kein zufälliger Sternenhimmel, sondern zeigt das Sternbild des Orion, das am Martinstag über der Lessenicher Kirche zu sehen ist.

„Seit meiner Kindheit gab es kaum etwas, das mich mehr faszinierte, als die Martinszüge“, sagt Schell. Insbesondere die Züge, an denen sie selbst als Grundschülerin teilgenommen hatte, habe sie geliebt. „Da konnte in späteren Zeiten auch der große Martinszug in der Innenstadt nicht mithalten“, sagt sie immer noch verzückt von der Kindheitserinnerung. Man darf sich schon auf das nächste Jahr freuen, wenn im Fenster neben der Eingangstüre ihres Hauses drei originalgetreu nachempfundene Häuser aus der Meßdorfer Straße in einem Advents-Diorama zu sehen sein werden. Damit werden weiterhin Kinder auf die Bank vor ihrem Fenster steigen und sich die Nasen vor der kunstvoll gestalteten Welt plattdrücken.

Das Gesicht des Weihnachtsmannes ist lebensecht faltig

Ähnliches passiert auch am Schaufenster von Joanna Georgiadis, in dem nicht nur Kinder einen lebensgroßen Weihnachtsmann bestaunen können. Inmitten von Panettone und Pandoro, den italienischen Weihnachtskuchen, steht ein demütig zu Boden blickender Weihnachtsmann mit gelocktem weißen Bart und übt auf den Betrachter eine nachdenklich machende Faszination aus: Das Gesicht des alten Herrn ist lebensecht faltig und wird zum Teil durch eine Schutzmaske verdeckt. Zusammen mit einer Nickelbrille hat die Architektin Georgiadis damit eine Figur dekoriert, die in dieser Darstellung ein Symbol für das kommende Corona-Weihnachten sein könnte. Leider liefen die Geschäfte im Moment sehr schlecht, sagt Georgiadis. Doch klagen tut sie nicht: Seitdem sie mit ihrem Mann 2009 ihr Architekturbüro in Athen wegen der dortigen Finanzkrise aufgeben musste, lebt sie glücklich in Bonn. Seit 2016 mit dem Feinkostgeschäft „Il Marchese“ auf dem Brüser Berg. „Hier fühle ich mich auch sehr wohl“, sagt sie. Und diese Krise werde sie auch noch schaffen.