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Drogenhandel im Rhein-Sieg-Kreis: Wie die Kreispolizei verstärkt dagegen vorgeht

Kriminalität im Rhein-Sieg-Kreis : Wie die Kreispolizei verstärkt gegen Drogenhandel vorgeht

Die Polizei im Rhein-Sieg-Kreis erhöht mit einem neuen Sicherheitsprogramm den Druck auf Dealer im öffentlichen Raum. Erste Erfolge hat es laut den Beamten bereits gegeben.

Der silberne Pkw steht ganz am Ende des Platzes. Rückwärtsgeparkt mit Blick auf das ganze leere Areal und die Zufahrt. Ein zweiter Wagen nähert sich langsam auf dem ungenutzten Parkplatz eines geschlossenen Schwimmbads. Der Fahrer hält mitten auf dem Platz, stellt den Motor ab und lehnt den Arm aus dem Fenster. Es tut sich nichts. Minutenlang. Schließlich startet der zweite Pkw den Motor, fährt mit der Fahrerseite an die erste. Es wird undeutlich etwas ausgetauscht. Dann verschwindet der zweite Wagen wieder. Drogenhandel im Rhein-Sieg-Kreis.

„Seit Anfang des Jahres 2020 hat die Kreispolizeibehörde ein neues Sicherheitsprogramm erarbeitet. Der Schwerpunkt liegt auf der Bekämpfung der Kriminalität im öffentlichen Raum und erhöhter Polizeipräsenz“, sagt der Sprecher der Behörde, Polizeihauptkommissar Burkhard Rick. „Drogenhandel und Beschaffungskriminalität finden nicht selten auf öffentlichen Plätzen statt. Mit uniformierten Kräften und auch mit einem zivilen Einsatztrupp sind wir tätig, um dies den Tätern zu erschweren und Straftaten aufzudecken. Nicht zuletzt erhöht das auch das Sicherheitsempfinden der Bürgerinnen und Bürger.“

Tatsächlich gab und gibt es besondere Schwerpunkte. Die Polizei gibt sich mit der Benennung solcher Orte bedeckt. Aber egal ob in Kaldauen, in Troisdorf oder Eitorf – die Drogenfahnder haben diese Hotspots im Blick. „Wenn wir von neuen Plätzen hören, dann schauen sich das unsere verdeckten Ermittler an“, sagt Rick. Man müsste dabei „sensibel“ vorgehen, weil sich die Plätze schnell verlegen.

Zum Beispiel im Juni in Lohmar: Bürger hatten den Hinweis auf Drogenhändler im Lohmarer Stadtpark (Villa Friedlinde) gegeben. Zivilbeamten fielen dann bei der Überprüfung tatsächlich zwei Verdächtige auf. Die beiden jungen Männer verhielten sich konspirativ und holten offenbar etwas aus einem Versteck im Gebüsch. Als die Beamten sich als Polizisten zu erkennen gaben, flüchteten sie, wurden aber eingeholt. Bei der Festnahme leisteten sie laut Polizei „massiven Widerstand“. Die bereits polizeibekannten Lohmarer im Alter von 17 und 19 Jahren hatten mehrere abgepackte Verkaufseinheiten Marihuana dabei. Bei der späteren Durchsuchung der elterlichen Wohnungen fassten die Polizisten einen mutmaßlichen Mittäter, den 21-jährigen Bruder des 19-Jährigen. Bei der Durchsuchung der Wohnung wurden mehr als 1300 Euro Bargeld „in dealertypischer Stückelung“ gefunden. Darüber hinaus fanden sich Abrechnungsaufzeichnungen über mutmaßliche Betäubungsmittel-Geschäfte.

Im Juli wurde auf der Lohmarer Bachstraße ein 21-Jähriger festgenommen, der kleine abgepackte Mengen Amphetamine bei sich hatte, und auch zuvor weggeworfene Verkaufstüten mit Marihuana fanden die Polizisten. Ob die neue Strategie der Polizei letzten Endes greift, das sehe man dann bei der Kriminalstatistik im kommenden Jahr.

„Stadt-Land-Gefälle“ bei den Straftaten

Insgesamt stelle die Polizei im Rhein-Sieg-Kreis ein gewisses „Stadt-Land-Gefälle“ fest, sagt Rick. Dabei sei die überwiegende Zahl der Straftaten naturgemäß in den größeren Städten festzustellen und dann überwiegend dort, wo sich ein Bahnhof in der Nähe befinde. Dort würden die Kontrollmaßnahmen weitergeführt.

Die Art und die Fallzahlen der Drogen haben sich Rick zufolge nicht wesentlich verändert. Bei Heroinfällen indes ist 2019 eine nahezu Verdoppelung der Fälle auf 23 im Vergleich zum Vorjahr festzustellen. Cannabis steht mit 437 Fällen an der Spitze, gefolgt von Amphetaminen (91) und Kokain (25). Das Zuständigkeitsgebiet der Kreispolizeibehörde erstreckt sich über den rechtsrheinischen Teil des Rhein-Sieg-Kreises ohne Bad Honnef und Königswinter. Damit ist sie für elf Kommunen und rund 370 000 Einwohner zuständig.

Rick verweist auf mehrere große Ermittlungsverfahren gegen mutmaßliche Drogendealer allein in den vergangenen Monaten. „Das Kriminalkommissariat 3 gründete für die komplexen Ermittlungen jeweils Ermittlungsgruppen, die auch mit verdeckten Maßnahmen arbeiteten. Diese Ermittlungsgruppen arbeiten eng mit der Staatsanwaltschaft zusammen und konnten teils empfindliche Schläge gegen den Drogenhandel landen“, so Rick.

Ende Januar zum Beispiel schlugen die Ermittler in Siegburg und Sankt Augustin zu. „Seit August 2019 mehrten sich Hinweise, dass in mehreren Cafés und Spielhallen im Rhein-Sieg-Kreis in nicht geringem Umfang mit illegalen Drogen gehandelt wird“, erzählt Rick. Die Kriminalpolizei richtete daraufhin eine Ermittlungsgruppe mit dem Namen „EG Magic“ ein. Es erhärtete sich ein Tatverdacht unter anderem gegen einen 50-Jährigen aus Siegburg sowie gegen drei Frauen im Alter von 34, 36 und 48-Jahren aus Georgien, die unangemeldet beziehungsweise unter falschen Personalien in Siegburg leben. Ebenso zählte ein 25-jähriger Siegburger, der bereits wegen Gewaltdelikten polizeibekannt ist, zu den Verdächtigen. Als die Ermittler am frühen Morgen des 31. Januar mehrere Wohnungen, Cafés und Spielhallen in Siegburg und Sankt Augustin durchsuchten, wurden sie beim Zugriff vom SEK Köln unterstützt, da es Hinweise auf den Besitz von scharfen Waffen bei einem der Beschuldigten gab. Die Polizei stellte umfangreiches Beweismaterial sicher. Darunter eine scharfe Pistole, zwei Gaspistolen, mehr als 240 Verkaufseinheiten Kokain, rund ein Kilo Marihuana und mehr als 50 000 Euro mutmaßliches Drogengeld. Die genannten Verdächtigen wurden vorläufig festgenommen und einem Haftrichter vorgeführt, der gegen alle fünf Untersuchungshaft anordnete.

„Darüber hinaus haben wir in den vergangenen Jahren mehrere große Cannabisplantagen ausgehoben. Solche Plantagen werden in teils abgelegenen Gebäuden angelegt und mit teuren automatisierten Belüftungsanlagen, Beleuchtungsanlagen und Bewässerungsanlagen betrieben“, so Rick weiter. Zuletzt beispielsweise im Januar in einem Wohnhaus „Im Spichelsfeld“ in Sankt Augustin, wo acht „Hanf-Bauern“ im Alter von 18 bis 35 Jahren wegen Verstoßes gegen das Betäubungsmittelschutzgesetz vorläufig festgenommen wurden.

Aufklärung als wichtiger Baustein

Für die Polizei ist aber auch die Drogenprävention ein weiterer wichtiger Baustein in diesem Zusammenhang. „Damit junge Menschen nicht erst Drogenmissbrauch betreiben oder gar abhängig werden, betreibt unser Kommissariat für Kriminalitätsprävention und Opferschutz eine intensive Aufklärung an weiterführenden Schulen und Berufskollegs. Dabei arbeiten die Kolleginnen und Kollegen eng mit der Suchtberatung der Diakonie im Rhein-Sieg-Kreis zusammen“, erklärt der Polizeisprecher.

So würden beispielsweise Lehrerfortbildungen durchgeführt, um Symptome darzustellen, Handlungsempfehlungen im Umgang mit konsumierenden Schülern zu geben und Wissen über Drogenarten und Wirkungen zu vermitteln. Darüber hinaus beteiligt sich das Kommissariat auch an Elternabenden.

Bei der Aufklärungsarbeit in den Schulen gehe es um Wissensvermittlung zu Drogenarten, Wirkungen und Folgen für Körper und Psyche. „Neben den direkten Suchtgefahren werden auch Sekundärwirkungen wie ein Abrutschen in die Kriminalität, Obdachlosigkeit oder Arbeitslosigkeit aufgezeigt“, so Rick. 2019 führte die Polizei 71 solcher Veranstaltungen durch.