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Kommentar: Sexismus-Debatte - Ein Aufschrei

Kommentar : Sexismus-Debatte - Ein Aufschrei

Es gibt Themen, mit denen will sich eine seriöse Tageszeitung eigentlich nicht beschäftigen. Dazu gehört das Privat- und Intimleben von Politikern, solange es keine Auswirkungen auf ihr öffentliches Tun hat.

Da erzählt eine 29-jährige Journalistin in einem "Stern"-Artikel, wie sie vom FDP-Spitzenpolitiker Rainer Brüderle durch anzügliche Bemerkungen bedrängt wurde - abends an einer Hotelbar in, naja, halbprivater Atmosphäre. Das wirft viele Fragen auf: Wieso führt die junge Journalistin solche Bar-Gespräche?

Wieso erzählt sie dann erst ein Jahr später davon? Stimmt ihr Gedächtnisprotokoll insgesamt und in allen Einzelheiten? Und wie glaubwürdig (oder scheinheilig) ist ein Magazin, das regelmäßig nackte Frauen auf der Titelseite zeigt, um die Auflage zu puschen? Die Frage aller Fragen aber ist: Ist das alles überhaupt relevant?

Es mag sein, dass sich Brüderle danebenbenommen hat. Sein beharrliches Schweigen dazu entlastet ihn nicht. Vielleicht war es auch kein Einzelfall. Womöglich sieht Brüderle in attraktiven Frauen generell weniger gleichberechtigte Gesprächspartnerinnen als potenzielle Gespielinnen.

[kein Linktext vorhanden]Wenn das so ist, dann muss das nicht hingenommen werden, und dann ist eine Frau wie die "Stern"-Journalistin, die verbale Übergriffe publikumswirksam beklagt, nicht (nur) Täterin, sondern auch und zuerst Opfer. Und doch wäre das Thema schnell in den Ordner "Schmuddelkram" abzulegen, wenn nicht übers Wochenende eine allumfassende Debatte zum Thema Sexismus in der Gesellschaft aufgekommen wäre, die zu führen es sich lohnt.

Der Aufschrei, der durch die Republik hallt, zeigt zweierlei: Auch im Jahre 2013 missbrauchen Männer ihre Positionen und begehen aus einem Gefühl der Macht heraus sexuelle Grenzverletzungen - in der Politik, in Unternehmen, überall. Gleichzeitig sind die Frauen aber so emanzipiert, dass sie sich das nicht mehr gefallen lassen. Wo früher noch zähneknirschend körperliche Berührungen weggeschwiegen wurden, ist heute oft schon ein zotiger Spruch ein Spruch zu viel und provoziert Widerstand. Gut so!

Nicht nur die Frauen haben sich verändert. Auch junge Männer werden anders sozialisiert als die Generation Brüderle. Oder kann sich jemand ernsthaft vorstellen, dass ein Philipp Rösler oder ein Christian Lindner eine Frau mit zweifelhaften Komplimenten zu ihren Brüsten traktiert, um dann vermeintlich charmant um Annahme der Tanzkarte zu bitten?

Frauen und Männer müssen weiter daran arbeiten, anständig und unverkrampft miteinander umzugehen. Die meisten wollen weder in einer herrenwitzelnden Rainer-Brüderle-Welt leben noch in einem aseptischen Umfeld à la Alice Schwarzer. Letztere hat in der gestrigen Krawall-Talkshow von Günther Jauch einmal mehr bewiesen, dass auch sie längst aus der Zeit gefallen ist.